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WDAE – Etappe 2: Einmal Cassiar Highway, bitte!


Einleitung – Etappe 2 beginnt weiter unten

Der legendäre Cassiar Highway

Der Cassiar Highway (Highway 37) gehört zu den legendärsten Straßen Kanadas und verbindet auf rund 725 Kilometern Kitwanga in British Columbia mit dem Alaska Highway bei Jade City nahe Watson Lake im Yukon. Die Strecke wurde Anfang der 1970er Jahre gebaut und 1975 eröffnet, um die abgelegenen Bergbaugebiete im Nordwesten von British Columbia besser zu erschließen und den Zugang zu den reichen Erz- und Mineralvorkommen der Region zu ermöglichen. Anfangs bestand die Straße größtenteils aus Schotter. Erst in den folgenden Jahrzehnten wurden die einzelnen Abschnitte nach und nach asphaltiert. Die vollständige Asphaltierung wurde schließlich erst Anfang der 20er Jahren abgeschlossen, sodass der Cassiar Highway heute problemlos mit normalen Fahrzeugen befahren werden kann.

Wer in den Yukon reisen möchte, hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten: den Alaska Highway oder den Cassiar Highway. Letzterer gilt als die deutlich ruhigere Alternative zum wesentlich stärker frequentierten Alaska Highway. Die Strecke führt durch nahezu unberührte Wildnis mit gewaltigen Bergkulissen, dichten Wäldern, Gletschern und zahllosen Seen. Tankstellen, Orte und andere Infrastruktur sind selten. Dafür sind Begegnungen mit Schwarzbären, Grizzlys, Elchen oder Steinwild keine Seltenheit.

Etappe 2: Vom Meziadin Lake zum Upper Gnat Lake

Rückblick

Wow … was für ein Stellplatz! Wir hatten gestern Glück und konnten einen der begehrten Uferplätze direkt am Meziadin Lake ergattern. Das versprach eine ruhige Nacht und einen Abend, den man draußen mit Blick auf den See genießen kann zu werden. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite und die Temperaturen waren fast schon badetauglich.

Übernachtungsplatz am Meziadin Lake

Also wurde schnell das Abendessen gekocht, um den restlichen Abend entspannt am Wasser ausklingen zu lassen. Doch dann passierte etwas, womit keiner von uns gerechnet hat: eine Mückeninvasion.

Als wir angekommen sind, herrscht absolute Ruhe. Keine einzige Mücke war zu sehen. Doch kaum war das Essen fertig, scheinen sich plötzlich sämtliche Mücken Kanadas auf unserem Stellplatz versammelt zu haben. Der Kampf gegen die Blutsauger war hoffnungslos. Wir räumten fluchtartig unseren Esstisch und verlegten den Rest des Abends in den Camper.

Damit steht fest: Wir müssen erneut zu Canadian Tire. Mit diesem Laden verbindet uns inzwischen eine gewisse Hassliebe. Einerseits verbringen wir dort gefühlt jede zweite Reiseetappe, andererseits bekommen wir dort tatsächlich alles, was man für das Camping- und Outdoorleben benötigt – einschließlich geeigneter Waffen gegen kanadische Killer-Mücken.

Keine zehn Minuten später knallte plötzlich die Tür unserer Absetzkabine zu – BÄNG! Der gesamte Aufbau begann zu schwanken. Der Wind hatte aufgefrischt und wurde immer stärker. Offensichtlich erleben wir nun jene Wetterkapriolen, von denen wir vor der Reise gelesen haben, ohne uns wirklich etwas darunter vorstellen zu können. In den Bergen Nordbritish Columbias kann das Wetter innerhalb weniger Minuten komplett umschlagen – oft ohne sichtbare Vorwarnung, zumindest nicht für unsere europäische Augen.

Es wird ein stürmischer Abend und die Aussenlüftungsklappe unserer Abzugshaube bringt mich fast um den Verstand – ja, sowas haben wir im Auto und diese musste erstmal mit Gorilla-Tape in Teamarbeit zugeklebt werden. Endlich Ruhe und wir sind dankbar für unser schweres Fahrzeug und die hervorragend gedämmte Kabine.

Gorilla Tape – wenn mal die Abluftklappe klappert

Am nächsten Morgen herrscht wieder strahlender Sonnenschein. Wir haben offenbar wirklich Glück mit dem Wetter und setzen unsere Reise in Richtung Upper Gnat Lake fort. Dort wollen wir erneut frei stehen und die Vorteile unseres autarken Campers genießen.

Apropos Freistehen: In der Regel verbringen wir zwei bis drei Nächte ohne Infrastruktur, bevor wir wieder einen Campingplatz ansteuern. Dort werden dann Wäsche gewaschen, Frischwasser aufgefüllt und Grau- sowie Schwarzwassertanks geleert. Für uns hat sich dieser Rhythmus bislang bestens bewährt.

Es geht weiter

Die Strecke zum Upper Gnat Lake gehört für uns zu den landschaftlich reizvollsten Abschnitten des bisherigen Cassiar Highway. Hier beginnt das Gefühl, wirklich in die Wildnis Nordkanadas einzutauchen.

Der Verkehr nimmt deutlich ab, die Berge rücken näher an die Straße heran und die Infrastruktur wird immer dünner. Zwischen Meziadin Lake und Upper Gnat Lake durchquert man die Übergangszone zwischen den feuchten Küstenbergen und dem trockeneren Landesinneren. Die Region ist geprägt von dichten Fichten- und Hemlockwäldern, zahllosen Seen und Moorlandschaften sowie den schneebedeckten Gipfeln der Coast Mountains im Westen.

Wir genießen die entspannte Fahrt und halten an nahezu jeder Rest Area, die wir entdecken. Auf diesem Abschnitt wird uns bewusst, dass wir nicht nur einer modernen Fernstraße folgen, sondern gleichzeitig einer historischen Erschließungsroute des kanadischen Nordens.

Rastplatz auf dem Cassiar Highway

Die Yukon Telegraph Line

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Yukon Telegraph Line. Sie war die erste moderne Kommunikationsverbindung zwischen dem Yukon und dem Süden Kanadas.

Während des Klondike-Goldrausches entstand eine über 3.000 Kilometer lange Telegrafenverbindung zwischen Dawson City und Vancouver. Entlang der Strecke wurden zahlreiche Telegrafenstationen und Hütten errichtet, von denen einige bis heute erhalten geblieben sind.

Die Leitung blieb bis in die 1930er Jahre in Betrieb und gilt als eine der größten Pionierleistungen bei der Erschließung des kanadischen Nordens. Noch heute stößt man entlang des Cassiar Highway auf verlassene und verfallene Hütten, die als stumme Zeitzeugen an diese Epoche erinnern.

Yukon Telegraph -ein stummer Zeitzeuge

Ein Flughafen mitten im Nichts

Während der Fahrt entdecken wir auf unserer Navigationskarte ein merkwürdiges Rechteck mitten in der Wildnis. Es sieht verdächtig nach einer Landebahn aus.

Neugierig verlassen wir den Highway und finden tatsächlich einen kleinen Flugplatz mitten im Nirgendwo.

Der Bob Quinn Lake Airport wurde Anfang der 1990er Jahre gebaut, um die abgelegenen Bergbaugebiete rund um Iskut und die Stikine-Region besser erreichbar zu machen. Heute landen hier vor allem Versorgungs- und Privatflugzeuge.

Der Flugplatz verdeutlicht eindrucksvoll, wie dünn besiedelt der Nordwesten British Columbias noch immer ist und wie eng die Geschichte dieser Region mit Rohstoffen, Bergbau und Pioniergeist verbunden bleibt.

Die Landebahn vom Bob Quinn Lake Airport

Das analoge soziale Netzwerk des Nordens

Fast wäre ich an einer kleinen Besonderheit vorbeigegangen.

Direkt am Parkplatz des Flugplatzes befindet sich ein unscheinbarer Holzkasten mit Glasscheibe. Darin liegen mehrere Gästebücher. Reisende aus aller Welt haben hier über viele Jahre hinweg ihre Namen, Herkunftsorte, Erlebnisse und Gedanken hinterlassen.

In Zeiten von Smartphones, sozialen Medien und Satelliteninternet wirkt dieses Logbuch fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Statt Likes und Kommentaren findet man hier handgeschriebene Einträge von Motorradreisenden, Overlandern, Piloten und Abenteurern.

Manche berichten von Bärenbeobachtungen, andere von Reifenpannen, spektakulären Landschaften oder einfach davon, dass sie hier gewesen sind.

Beim Durchblättern entdecke ich Grüße aus Kanada, den USA, Europa und sogar Australien. Plötzlich entsteht das Gefühl, Teil einer besonderen Gemeinschaft zu sein – einer Gemeinschaft von Menschen, die den Norden lieben und bereit sind, tausende Kilometer durch die Wildnis zu reisen.

Also nutze ich den Stift und hinterlasse ebenfalls eine kleine Nachricht.

Während wir weiterfahren, frage ich mich, wer wohl die Menschen sind, die dieses Logbuch pflegen. Was bewegt sie dazu? Warum machen sie sich die Mühe?

Ich verlasse diesen Ort mit einem guten Gefühl. Für einen kurzen Moment war ich Teil eines analogen sozialen Netzwerks mitten in der kanadischen Wildnis. Was für ein charmanter Ort, den man so leicht übersehen könnte.

Zum Glück haben wir hier angehalten.

Ein unscheinbarer Holzkasten mit Glasscheibe
Das Bo Quinn Logbuch am gleichnamigen Flughafen

Wandernweg oder Grizzlys?

Da wir uns regelmäßig die Beine vertreten möchten, freuen wir uns über einen Wanderweg zu den Upper Cascade Falls im Kinaskan Lake Provincial Park.

Der etwa 2,5 Kilometer lange Weg führt durch typischen nordwest-kanadischen Borealwald mit Fichten, Kiefern, Moosen und kleinen Feuchtgebieten. Mehrere Holzstege überqueren die sumpfigeren Abschnitte. Genau die Art von Wanderung, die wir besonders mögen.

Doch schon am Trailhead geraten unsere Wanderpläne ins Wanken.

Auf einem Aushang wird darauf hingewiesen, dass erst kürzlich eine Grizzlymutter mit drei Jungen sowie ein Schwarzbär in diesem Gebiet gesichtet wurden.

Wir wägen die Situation ab. Die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung ist zwar gering, doch Grizzlymütter mit Nachwuchs gelten als besonders unberechenbar. Trotz Bärenspray am Gürtel ziehen wir schließlich den Schwanz ein und verzichten auf die Wanderung.

Schade eigentlich.

Vielleicht hätten wir andere Wanderer nach ihren Erfahrungen fragen können. Andererseits war weit und breit niemand zu sehen. Wahrscheinlich sind sie ja auch alle losgezogen und nie wieder zurückgekommen. Das wäre dann genau der richtige Grund gewesen nicht zu wandern

Spaß beiseite: Uns wird klar, dass wir uns intensiver mit dem richtigen Verhalten bei Bärenbegegnungen beschäftigen müssen. Das wird definitiv eine unserer nächsten Aufgaben auf dieser Reise.

Bear Alert am Upper Cascade Falls Wanderweg
Der Einstieg in den Wanderweg

Abendstimmung am Upper Gnat Lake

Die letzte Etappe des Tages führt uns schließlich an den Upper Gnat Lake.

Während viele Campingplätze entlang der Strecke nahezu ausgebucht sind, stehen wir hier erneut mitten in der Natur und teilen uns den gesamten See lediglich mit einem weiteren Fahrzeug, das mehrere hundert Meter entfernt steht.

Ach, wie schön ist Kanada.

Nach einem leckeren Abendessen klingt ein weiterer erlebnisreicher Reisetag langsam aus. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, der See wird spiegelglatt und wir genießen die Ruhe.

Für uns heißt es jetzt, Kraft für den nächsten Tag zu sammeln.

Und damit: Gute Nacht.