Tagesarchiv: 9. August 2026

Ein Tag Tuktoyaktuk – oder einfach Tuk


Wir sind angekommen und gönnen uns erst einmal einen Tag Auszeit. Die Fahrt war dann doch anstrengender als ursprünglich gedacht. Allerdings war die „Nacht“ – sofern man davon hier oben überhaupt noch davon sprechen kann – alles andere als erholsam. Einheimische fahren mit ihren Quads lautstark in den Hafen. Junge Menschen singen und tanzen zu lauter Musik. Familien zünden um drei Uhr nachts ihr Barbecue an. Und dann immer wieder das tiefe Brummen der Pick-up-Trucks mit viel zu viel Hubraum. Die Menschen feiern und tanzen und genießen wahrscheinlich den Start des Sommers, während das Polarmeer langsam auftaut und die Zeit der Weißen Nächte da ist. Das ist alles nachvollziehbar, passt aber so gar nicht zu dem, was wir als natur- und ruheliebende Touristen gerade brauchen. Aber wir sind hier nur zu Gast und ertränken eine weitere unruhige Nacht mit viel zu wenig Schlaf in einer leckeren Tasse Kaffee. Dazu freuen wir uns über das lang ersehnte Frühstück mit Speck, Rührei, Tomaten und gebackenen Bohnen. Damit kann unser Tag und die Erkundung von Tuk beginnen.

Endlich – Rührei mit Speck und Tomaten. Die Bohnen schlummern noch im Topf

Tuktoyaktuk – eine kleine Gemeinde am Ende der Straße

Tuktoyaktuk – oder einfach Tuk, wie hier oben irgendwie jeder außer uns sagt – liegt bei knapp 69,5° nördlicher Breite unmittelbar am Beaufortmeer und damit am Arktischen Ozean. Die Gemeinde zählt ungefähr 900 Einwohner und gehört zur Inuvialuit Settlement Region. Der Name Tuktuuyaqtuuq bedeutet sinngemäß „Ort, der wie ein Karibu aussieht“. Das konnten wir zwar nicht so genau verifizieren – aber was wissen wir schon.

Neben der „Form“ macht auch die Lage Tuk zu einem außergewöhnlichen Ort. Ringsherum: flache Tundra, zahllose Seen, Permafrost und das Meer. Anders als viele andere Gemeinden in der kanadischen Arktis kann Tuk heute ganzjährig mit dem Auto erreicht werden. Seit 2017 verbindet der Inuvik-Tuktoyaktuk Highway die Gemeinde mit Inuvik und damit über den Dempster Highway mit dem übrigen nordamerikanischen Straßennetz. Wie außergewöhnlich diese Straßenverbindung ist und wie Tuk davor versorgt und erreicht wurde, habe ich in meinem Exkurs zum Inuvik-Tuktoyaktuk Highway ausführlicher beschrieben.

Trotz dieser Verbindung fühlt sich Tuk aber keineswegs wie ein Ort an, der plötzlich vom Tourismus übernommen wurde. Es bleibt eine kleine arktische Gemeinde, in der Boote vor den Häusern stehen, Quads und Pick-up-Trucks zum Straßenbild gehören und Jagd und Fischfang noch immer einen festen Platz im Alltag vieler Familien haben.

Besonders auffällig sind die zahlreichen Pingos rund um Tuk. Diese eisgefüllten “Halbkugeln” entstehen im Permafrostboden und können über viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte wachsen. Rund um Tuktoyaktuk befindet sich eine der größten Pingo-Konzentrationen der Erde. Der bekannteste von ihnen, Ibyuk Pingo, ragt fast 50 Meter über die flache Tundralandschaft hinaus.

Tuk war lange Zeit ein wichtiger Stützpunkt für Handel, Schifffahrt und später auch für die Erdöl- und Erdgasexploration im Beaufortmeer. Gleichzeitig blieb der Ort eng mit der traditionellen Lebensweise der Inuvialuit verbunden. Jagd, Fischfang und das Sammeln von Nahrung aus der Umgebung spielen hier bis heute eine wichtige Rolle.

Was man als Besucher allerdings schnell merkt: Tuk ist keine klassische Sehenswürdigkeit. Es gibt keine große touristische Infrastruktur, keine herausgeputzte Promenade und keinen spektakulären Nationalpark direkt vor der Haustür. Der eigentliche Reiz liegt darin, hier zu sein.

Und dahinter liegt das Meer.

Das Polarmeer.

Genau das macht Tuktoyaktuk für uns zu einem dieser Orte, die weniger wegen einzelner Sehenswürdigkeiten in Erinnerung bleiben als wegen der langen Reise, die notwendig war, um überhaupt hierherzukommen. Und dann gibt es ja auch noch die Pingos – wird gerade wie ich diesen Text schreibe aufmerksam von JD angemerkt.

Snowmobil am Hafen von Tuk
Blick von unserem Stellplatz auf das Polarmeer
Aussichtspunkte für Blicke gibt es genug

Wir, also eigentlich JD – ich bin noch zu erschöpft von dem täglichen Fahren, wollen aber mehr über diesen Ort erfahren und starten unseren Rundweg durch Tuk in Richtung „Pingo“ – mitten im Ort.

Der Hafen und das Polarmeer sind noch teilweise zugefroren. Wie uns mitgeteilt wurde, wurde vor zwei Tagen hier och eine Eisbärin und ihr Junges gesichtet. Ob wir Glück haben, die Tiere auf dem Eis und hoffentlich aus sicherer Entfernung zu sehen? Wir drücken uns selbst die Daumen. Also starten wir mit einer Rundtour durch den Hafen und genießen den ungewohnten und zugleich erwarteten Blick auf das Eis. Traumhaft schön, auch bei leicht bewölktem Himmel.

Da wir uns leider deutlich weniger bewegen können, als wir es gerne würden, entschließen wir uns, den Weg ins Dorf vom Hafen per Pedes anzutreten. Dabei wollen wir direkt auf den einzigen Pingo im Ort klettern und unterwegs etwas mehr über das Dorf, seine Bewohner und die Lebensumstände erfahren. Also: in die Hände gespuckt und los geht es.

Doch bevor wir starten, werden wir von einem Kanadier aus Calgary angesprochen. „Hey guys, how are you doing? Where are you off to and where are you from? I can hear from your accent that you are not from Canada.“ Und so startet ein nettes Gespräch im Hafen von Tuk. Der Calgarian ist für zwei Wochen zu Besuch bei seiner Schwester, die hier in Tuk lebt. Er berichtet, dass Kanadier gerne reisen und auch an anderen Orten des Landes arbeiten. „Home is where you feel comfortable“, sagt er und fängt an zu lachen. Wie recht er hat.

Nach ein paar Minuten sagt er, wir hätten uns ja nicht gerade die besten Reifen für den Dempster ausgesucht, und zeigt auf unser Fahrzeug. Das ist ihm direkt aufgefallen. Er verabschiedet sich mit netten Wünschen und viel Glück, dass wir keinen Platten bekommen oder es anfängt zu regnen. Der Sache mit den Reifen werde ich dann wohl doch einmal nachgehen müssen – und mich bei CanaDream melden.

Kann auch mal wieder gewaschen werden, oder?
Wohnhäuser in Tuk

 

Our Lady of Lourdes

Doch bevor wir nun endlich richtig durchstarten können, fällt uns ein unscheinbares Holzschiff auf: die „Our Lady of Lourdes“.

Dabei handelt es sich um ein ehemaliges Missionsschiff, das heute aufgebockt an Land steht und zu den markantesten historischen Zeugnissen Tuks zählt.

Der Motorsegler wurde um 1930 gebaut und diente über zwei Jahrzehnte den katholischen Missionen in der westlichen Arktis. Mit ihm wurden Menschen und Versorgungsgüter über enorme Distanzen transportiert – unter anderem zwischen den verstreuten Missionsstationen von der Beaufortsee bis in Richtung Coronation Gulf und Cambridge Bay. Tuktoyaktuk wurde 1940 Heimathafen des Schiffes.

Die Geschichte des Schiffes hat allerdings auch eine deutlich ernstere Seite. Missionsschiffe wie die Our Lady of Lourdes transportierten nicht ausschließlich Lebensmittel und Material, sondern auch Kinder zu weit entfernten Schulen und kirchlichen Einrichtungen. Damit steht das Schiff gleichzeitig für jene Epoche, in der kirchliche Missionen und staatliche Institutionen tief in das Leben der indigenen Bevölkerung des Nordens eingriffen.

Wir ziehen weiter und stoßen auf den Friedhof von Tuk.

Our Lady of Lourdes

 

Der Friedhof – ein Archiv der Gesellschaft

Wie an vielen Orten unserer bisherigen Reisen statten wir auch Friedhöfen immer wieder einen Besuch ab. Für uns sind sie aussagekräftige Archive einer Gesellschaft: Sie zeigen nicht nur, wer gestorben ist, sondern geben viele weitere Hinweise darauf, wie eine Gemeinschaft über Familie, Religion, Zugehörigkeit, Status, Erinnerung und Tod denkt. Auch die Anordnung der Gräber kann viel über Verwandtschaft und Generationen erzählen.

Besonders faszinieren uns die Grabbeigaben und Symbole – seien es Kreuze, Engel, Blumen, Fotografien der Verstorbenen oder sogar eine „singende Weihnachtskarte“. Sie geben uns ein Gefühl für die religiösen und kulturellen Vorstellungen, die eine Gemeinschaft mit Tod und Jenseits verbindet. Auch der Umgang mit dem Grab nach der Bestattung ist aufschlussreich. Wird es regelmäßig geschmückt und gepflegt, werden Blumen oder persönliche Gegenstände hinterlassen, dann ist es nicht nur eine reine Begräbnisstätte, sondern ein Ort der fortdauernden Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten.

Tuk ist für uns besonders spannend, denn der Ort war lange eine abgelegene Siedlung der Inuvialuit, bevor christliche Missionare hier zunehmend Einfluss nahmen. Doch das ist nur ein Aspekt – uns interessiert ein anderer mindestens genauso stark: Wie geht die Gemeinde mit den Folgen des Klimawandels um?

Der Friedhof – und das Problem mit dem tauenden Permafrost

Auf den ersten Blick wirkt es wie der kleine Friedhof einer kleinen arktischen Gemeinde. Auf den zweiten Blick hat man zunächst den Eindruck, dass er nicht gepflegt wird und langsam verfällt.

Schaut man genauer hin, erkennt man hinter dem weißen Holzzaun einfache Kreuze, Grabsteine und individuell gestaltete Erinnerungszeichen. Viele Familiennamen begegnen einem immer wieder. Gleichzeitig ist der christliche Einfluss unübersehbar. Über dem Eingang steht das Gebet von der ewigen Ruhe der Verstorbenen – ein sichtbares Zeugnis der Missionsgeschichte, die auch Tuk nachhaltig geprägt hat. Daneben finden sich Hinweise auf die Sprache und Kultur der Inuvialuit.

Besonders eindrucksvoll ist jedoch die Lage. Hinter den letzten Kreuzen beginnt bereits das Beaufortmeer. Was auf den ersten Blick fast idyllisch aussieht, hat eine bedrohliche Seite: Die Küste von Tuktoyaktuk erodiert seit Jahrzehnten. Auftauender Permafrost, längere eisfreie Perioden und stärkere Wellen setzen dem niedrigen Land zu. Inzwischen gilt sogar der Friedhof als gefährdet.

Vielleicht erzählt dieser kleine Friedhof deshalb mehr über Tuk als manches Museum: von Familien und Glauben, von der Geschichte der Inuvialuit und der Missionare – und inzwischen auch davon, wie unmittelbar sich die Arktis verändert.

Der Besuch des Friedhofs hat sich also wieder einmal gelohnt. An diesem einen Ort lassen sich gleich mehrere Kapitel der Geschichte Tuktoyaktuks ablesen: die traditionellen Inuvialuit-Familien, der Einfluss der christlichen Missionen, die dauerhafte Besiedlung des Ortes im 20. Jahrhundert und heute zusätzlich die Folgen von tauendem Permafrost und Küstenerosion.

Der Friedhof gehört ausdrücklich zu den Bereichen, die durch diese Küstenerosion gefährdet sind. Ein Bericht der Regierung der Northwest Territories nennt neben Häusern auch den „graveyard“ als gefährdetes Gebiet. Eine aktuelle Zusammenfassung zur Küstenerosion formuliert es sogar sehr drastisch: Der Gemeindefriedhof sei inzwischen gefährdet, ins Meer abzubrechen.

Deshalb: Betreten verboten.

Die Abbruchkante ist direkt hinter dem letzten Grab
Eine Gefahrenzone – Der Friedhof verfällt

Wir gehen weiter und genießen die klare und reine Luft des Polarmeers.

Wir gehen Richtung Zentrum – wobei „Zentrum“ eher eine Ansammlung verschiedenster Holzhäuser ist. Der Tag ist wunderschön. Wir haben Temperaturen von etwas über 20 Grad und nicht das gruselige Wetter von gestern. Was für ein Glück.

Weiter Richtung Pingo

Von dort soll es nicht mehr weit sein: runter vom Hügel, einmal um die Ecke, und schon sollen wir den Pingo sehen, den man sogar besteigen darf. Wir gehen weiter über Nebenstraßen, da uns der Verkehr auf der Hauptpiste einfach zu staubig und zu laut ist. Einheimische nutzen diesen Weg und – trotz der wenigen Einwohner – herrscht hier reger Verkehr. Sie fahren mit den nächtlichen Ruhestörern, also ihren Quads und Pick-up-Trucks, die Straße rauf und runter.

Nach ein paar Minuten fällt uns auf, dass es oft die gleichen Personen sind. Keine Ahnung, ob es auch hier darum geht, sich zu zeigen und zu präsentieren, was man hat, ob Langeweile dahintersteckt oder ob tatsächlich Aufgaben erledigt werden müssen. Es nervt jedenfalls ordentlich, sodass wir uns in die Nebenstraßen verziehen. Und das ist gut so – denn dadurch laufen wir direkt auf das Holzschild „ICE HOUSE – Qiqitchiivik“ zu.

 

Qiqitchiivik – Tiefkühltruhe im Permafrost

Während im kurzen arktischen Sommer nur die oberste Bodenschicht auftaut, bleibt der Boden darunter dauerhaft gefroren. Genau diese natürliche Kälte nutzten die Inuvialuit schon lange vor elektrischen Gefrierschränken. Früher wurden einfache Gruben angelegt, um beispielsweise Walöl und Muktuk aufzubewahren. Später entstand daraus ein größeres gemeinschaftliches Ice House.

Über einen Schacht gelangt man bis zu 9 Meter tief in den gefrorenen Boden. Dort befinden sich einzelne Kammern, in denen Familien Fleisch, Fisch und andere Vorräte auf 600Meter Länge und über Monate lagern konnten – praktisch ohne Energieverbrauch.

ICE HOUSE – Qiqitchiivik – 600m Kühlfläche in 9m tiefe

Qiqitchiivik ist damit nicht nur ein ungewöhnlicher Keller, sondern auch ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Menschen hier seit Generationen an das Leben in der Arktis angepasst haben.

Weiter geht es Richtung Pingo – bis wir an der Mangilaluk School mit ihrem auffälligen Sportplatz vorbeilaufen.

Die Mangilaluk School und der Sportplatz

Sie ist für eine Gemeinde dieser Größe erstaunlich bedeutend, denn Kinder können hier vom Junior Kindergarten bis zur 12. Klasse unterrichtet werden. Derzeit besuchen rund 240 Schülerinnen und Schüler die Schule.

Das bedeutet: Jugendliche müssen Tuk nicht automatisch verlassen, um einen regulären Schulabschluss zu erreichen.

Neben den klassischen Unterrichtsfächern werden auch Inuvialuktun, praktische Fächer und weiterführende Kurse angeboten. Über Northern Distance Learning können Schülerinnen und Schüler sogar anspruchsvolle Vorbereitungskurse beispielsweise in Biologie, Chemie, Physik oder Mathematik absolvieren.

Die Schule wurde ursprünglich 1990 gebaut und in den vergangenen Jahren umfangreich erweitert.

Direkt bei Schule und Gemeindeanlagen befinden sich auch eine Sportflächen und die Donald Kuptana Sr. Memorial Arena. Gerade in kleinen nördlichen Gemeinden haben Sportstätten eine Bedeutung, die weit über Freizeitbeschäftigung hinausgeht. Sie sind Treffpunkt, Veranstaltungsort und ein wichtiger sozialer Mittelpunkt.

Sportplatz am Polarmeer

Doch damit haben wir irgendwie nicht gerechnet: ein Baseballplatz. Kein grüner Rasen, keine Tribüne und schon gar kein Stadion – einfach eine große Fläche aus Sand und Schotter, ein hoher Fangzaun und ein paar blau gestrichene Unterstände für die Spieler.

Doch gerade diese Einfachheit passt zu Tuk. Auf Permafrostboden und bei einer Vegetationsperiode von nur wenigen Wochen wäre ein gepflegter Rasenplatz ohnehin eine eher ambitionierte Idee. Gespielt wird also auf dem, was hier verfügbar und robust ist.

Der Platz gehört zum sozialen Leben der Gemeinde.

Und dann ist da diese Kulisse: Hinter dem Spielfeld liegen Tundra, Wasser und die verstreuten Häuser von Tuk. Kein Baum weit und breit. Auf einer der Spielerbänke sitzt ein Rabe und beobachtet das Ganze. Ein Baseballplatz irgendwo wäre nichts Besonderes. Ein Baseballplatz am Arktischen Ozean dagegen schon.

Der Sportplatz der Mangilaluk Schule

Im Sommer könnte man hier übrigens ziemlich lange spielen. Rund um die Sommersonnenwende verschwindet die Sonne in Tuk wochenlang überhaupt nicht unter dem Horizont. Verlängerung wegen Dunkelheit? Eher unwahrscheinlich.

Auch die Krähen haben in Kanada eine besondere Größe

„Wenn das mit uns so weitergeht, kommen wir nicht mehr beim Pingo an“, quengelt JD. Und sie hat recht. Ich bleibe an jeder Ecke stehen und schaue mich um, betrachte jedes Gebäude und sauge alles in mir auf – es ist hier einfach zu „anders“, zu „besonders“, als einfach nur hindurchzuwandern. Aber es bleibt dabei: Sie hat recht. Also geht es jetzt strammen Schrittes direkt zum Pingo des Ortes – und hinauf.

 

Ein Pingo mitten zwischen den Häusern

Man muss Tuk nicht einmal verlassen, um einem der berühmtesten Landschaftsphänomene der Region zu begegnen. Nach weiteren zwanzig Minuten kommen wir am Fuß des Pingos an. Ein kleiner Pfad führt direkt nach oben. Er wirkt zunächst fast unspektakulär – wie ein etwas zu gleichmäßig geformter Hügel in einer ansonsten nahezu vollkommen flachen Landschaft. Doch unter der dünnen Schicht aus Erde und Vegetation befindet sich ein massiver Eiskern.

Also wandern wir hinauf und finden zu unserer Überraschung eine Holzbank, die wir nutzen, um uns einen weiteren Überblick über die Gemeinde zu verschaffen.

Und das Erste, was uns auffällt, ist der North Harbour.

North Harbour – Tuk schaut aufs Meer

Ein weiterer Teil des Ortes, der viel über Tuk erzählt, ist der Hafenbereich.

Tuktoyaktuk war über Jahrzehnte ein wichtiger logistischer Stützpunkt der westlichen Arktis. Besonders während der Öl- und Gasexploration im Beaufortmeer entwickelte sich der Ort ab den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer bedeutenden Basis für Schiffe, Versorgung und technische Infrastruktur. Zeitweise wurden enorme Summen in die Erschließung der Region investiert.

Doch auch unabhängig von dieser industriellen Vergangenheit gehört das Wasser zum Alltag. Kleine Boote sind für Jagd, Fischfang und die Fahrt hinaus aufs Meer nach wie vor wichtig.

Der nördliche Hafenbereich vermittelt deshalb einen interessanten Kontrast: einerseits technische Überreste einer Zeit, in der man glaubte, das Beaufortmeer werde zu einer großen Öl- und Gasregion werden – andererseits kleine private Boote, die für eine viel ältere Lebensweise stehen.

Irgendwie schwirrt mir der Kopf – zu viele Eindrücke. Und ich erinnere mich daran, wo wir uns eigentlich gerade befinden: auf dem kleinen Pingo mitten im Ort. Hier steht keine große Sehenswürdigkeit mit Eintrittskasse oder Besucherzentrum. Wir befinden uns einfach auf einem Hügel zwischen Häusern und Straßen – und in seinem Inneren und damit unter unsere Füßen befindet sich ein gewaltiger Körper aus Eis.

Ein Pingu in der Ortsmitte
Ein kurzer aber steiler Pfad führ direkt auf den Eisklotz
What a view!
2Uhr morgens in Tuk