Für heute wünschen wir uns erst einmal eine ruhigere Basis als unser letzter Stellplatz direkt am Alaska Highway auf Höhe des 60. Breitengrads. Bis tief in die Nacht rauschten hier LKWs vorbei – manche mit zwei Anhängern, alle mit ordentlich Tempo und nur wenige Meter von unserem Camper entfernt. Der Alaska Highway zeigte sich an diesem Abend nicht als einsame Traumstraße des Nordens, sondern als das, was er eben auch ist: eine wichtige Verkehrsader, auf der selbst nachts noch einiges los ist.
Eigentlich hätten wir es besser wissen müssen. Doch wir waren gestern schlicht zu spät dran und hatten weder Lust noch Energie um noch lange nach einem abgelegeneren Stellplatz zu suchen. Also entschieden wir uns für die schnelle und pragmatische Lösung und blieben direkt am Rastplatz und damit unmittelbar am Alaska Highway stehen – in der Hoffnung, dass der Verkehr in der Nacht schon irgendwann nachlassen würde. Eine Hoffnung, die sich nur sehr bedingt erfüllte.
Solche Tage zeigen ziemlich gut, dass eine Reise wie diese nicht nur aus spektakulären Landschaften, Freiheit und schönen Camp-Spots besteht. Das tägliche Fahren, die vielen neuen Eindrücke, die Suche nach einem passenden Übernachtungsplatz und die ständige Planung des nächsten Abschnitts sind auch anstrengend. Dazu kommen all die Dinge, die auf den Bildern später kaum sichtbar sind: Fotos sortieren, Blogtexte schreiben und rechtzeitig alle Vorräte, Kraftstoffe und Brennstoffe für die nächste Etappe auffüllen sowie Schwarz- und Grauwasser zu leeren. Bevor es für uns weiter Richtung Polarmeer geht, darf es die nächsten Tage gerne etwas ruhiger werden. Aber bis dahin stehen für heute noch über 420km bis zu unserem nächsten Stellplatz an.
Also, Zündschlüssel drehen und den kräftigen V8 anwerfen. Es geht los.
Der Alaska Highway
Für uns geht es nun weiter Richtung Whitehorse – auf einer Strecke, die auf der Karte zunächst wie eine klassische Verbindungsetappe wirkt, unterwegs aber deutlich mehr zu bieten hat als nur Kilometer. Der Alaska Highway selbst ist schließlich weit mehr als nur irgendeine Straße durch den Norden Kanadas. Er wurde 1942 in Rekordzeit von nur acht Monaten während des Zweiten Weltkriegs gebaut, um Alaska auf dem Landweg mit dem Rest Nordamerikas zu verbinden. Er startet in Dawson Creek in British Columbia und endet etwa 2100km später in Delta Junction in Alaska. Noch heute ist er Lebensader, Roadtrip-Klassiker und an vielen Stellen ein Stück Geschichtsbuch unter freiem Himmel. Auf dem heutigen Streckenabschnitt mischen sich Highway-Geschichte, alte Flugplätze, Fluss- und Seenlandschaften sowie mit der Canol Road sogar ein großes Kriegsprojekt.
Von Watson Lake nach Johnson’s Crossing
Kaum haben wir Watson Lake hinter uns gelassen, wird die Strecke schnell wieder einsamer. Lange Waldpassagen, breite Täler und immer wieder dieses typische Yukon-Gefühl, dass die Region weniger von einzelnen Sehenswürdigkeiten lebt als von ihrer Weite und dem Raum dazwischen. Ein kurzer, aber schöner Stopp ist die Continental Divide. Hier verläuft eine Wasserscheide, an der sich entscheidet, ob ein Regentropfen irgendwann im Arktischen Ozean oder über das Yukon-System im Beringmeer landet – auf den ersten Blick nur ein Schild am Straßenrand, auf den zweiten ein ziemlich guter Reminder dafür, in welchen Dimensionen man hier unterwegs ist.

Eine schöne Abwechslung bietet Teslin. Die lange Brücke über die Nisutlin Bay, der weite Teslin Lake und das kulturelle Erbe der Teslin Tlingit geben dem Ort deutlich mehr Tiefe als nur einen hübschen Zwischenhalt am Highway. Gerade hier merkt man, dass der südliche Yukon nicht nur aus Seen, Wäldern und Straßen besteht, sondern auch aus einer langen Geschichte der First Nations, die diese Region lange vor dem Bau des Alaska Highway geprägt haben. Wenn wir nur nicht so Müde wären – dann hätten wir bestimmt auch von der Brücke ein Bild gemacht statt nur in Schleichfahrt diese zu überqueren und den Ort links liegen zu lassen.



Johnson’s Crossing und die South Canol Road
Doch kurz nachdem wir den Ort verlassen haben kommt bei Johnson’s Crossing der Abzweig zur der für uns verbotenen Canol Road auf und man taucht erneut in eine andere Yukon-Geschichte ein. Die rostenden Fahrzeuge am Straßenrand sind keine Dekoration, sondern Überbleibsel der Canol-Ära – jenes ambitionierten, aber letztlich nur kurzlebigen Vorhabens, Öl aus Norman Wells über Pipeline, Straße und Raffinerie bis nach Whitehorse zu bringen. Vieles davon wurde nach dem Krieg aufgegeben, und genau diese zurückgelassenen Maschinen machen den Einstieg in die Canol Road heute so eindrucksvoll. Leider ist diese Strasse für uns verboten und auch grundsätzlich für einen F350 mit Wohnkabine nicht geeignet. Diese ist heute eine remote gravel road – landschaftlich stark, aber keine gemütliche Scenic Byway wie der Alaska Highway. Travel Yukon beschreibt sie ausdrücklich als abgelegene Schotterstraße, für die man gut vorbereitet sein soll und mit rough conditions rechnen muss. The Milepost nennt sie narrow, winding, mit einspurigen Brücken, rauen Abschnitten, möglichen Washouts und keinen Services. Alsonichts für uns – nicht nur wegen dem Verbot vom Vermieter mit unserem Fahrzeug über die Strecke zu fahren.




Verlassener Landeplatz – Flight Strip No. 6
Wenig später taucht mit dem Squanga Lake Flight Strip ein weiteres Relikt aus der Kriegszeit auf. Der heute verlassene Flugplatz wurde als Ausweich- und Notlandepiste entlang der Northwest Staging Route angelegt und zeigt, wie stark der Yukon im Krieg nicht nur über Straßen, sondern auch aus der Luft erschlossen wurde. Noch heute sind die Schneise der alten Landebahn und ein markanter Turm zu erkennen – stille Relikte einer Zeit, in der der Yukon nicht nur Durchgangsland für Abenteurer, sondern strategisch wichtiger Verkehrs- und Versorgungsraum war. Um was für eine Art Turm es sich dabei drehte kann ich nur vermuten – denke aber das dass etwas wie ein Beobachtungs- oder Kontrollturm war.


Marsh Lake und unser Basislager der Caribou RV Park kurz vor Whitehorse
Je näher wir Whitehorse kommen, desto schöner wird die Landschaft noch einmal. Rund um Marsh Lake begleitet den Highway wieder dieses klassische Yukon-Gefühl aus Wasser, Wald und weitem Himmel. Unser Ziel an diesem Tag liegt allerdings nicht direkt in Whitehorse, sondern schon etwas davor: der Caribou RV Park.
Nach den letzten Tagen mit täglichem Fahren, neuen Eindrücken und immer wieder neuer Stellplatzsuche fühlt sich dieser Platz fast schon wie eine kleine Belohnung an. Wir bekommen einen Stellplatz unter Bäumen – ohne Strom und Wasser, dafür aber mit eigener Holzbank, Fire Ring und vor allem deutlich mehr Privatsphäre als die Full-Hook-up-Sites. Genau das macht ihn für uns perfekt. Statt eng an eng mit Blick auf den Nachbarn zu stehen, sitzen wir am Abend zwischen den Bäumen, haben endlich etwas Ruhe um uns herum und zum ersten Mal seit ein paar Tagen das gute Gefühl, am nächsten Morgen nicht sofort wieder alles zusammenpacken zu müssen.
Aus einer Übernachtung werden am Ende vier Nächte. Der Caribou RV Park wird für uns damit zur kleinen Basis vor Whitehorse – zum Wäschewaschen, Einkaufen, Planen und vor allem zum Schreiben. Genau hier entstehen dann auch die Blogeinträge über den Cassiar Highway. Während draußen der Abend zwischen den Bäumen langsam ruhig wird, sitze ich im Camper und arbeite die letzten Tage noch einmal auf: Kitwanga, Stewart, Bären, Gletscher, einsame Stellplätze, Mückenplagen und all die kleinen und großen Eindrücke dieser besonderen Straße. Direkt daneben liegt mit dem Yukon Motorcycle Park noch eine kleine Yukon-Kuriosität, die wunderbar in diese Alaska-Highway-Welt aus Roadhouses, Fernfahrern, Overlandern und Motorradreisenden passt – von letzteren gibt es gar nicht so wenige. Doch davon werde ich später noch genauer berichten.
Für uns endet damit diese Etappe nicht in Whitehorse selbst, sondern ein paar Kilometer davor – an einem Stellplatz unter Fichten, mit etwas mehr Ruhe und genau der richtige Ort für unser Basislager für die nächsten Tage.


Nachwort für Helena und Ronja
Hei ihr beiden … schaut mal wer uns an unserem Basislager besucht hat. Jeden morgen um die gleiche Zeit huschte zwischen den Kiefern ein kleines Rothörnchen über den mit Zapfen übersäten Waldboden. Es ist ein typische Bewohner der Nadelwälder und lebt von Samen, Knospen und Pilzen, die es eifrig gesammelt und versteckt hat. Die Menschen in Kanada nennen es Red Squirrel.
Es sieht fast so aus wie unsere Eichhörnchen in Deutschland – erst wenn man genauer hinsieht und hinhört, erkennt man, dass dieses Hörnchen nicht nur etwas kleiner und dünner, sondern auch lauter und frecher ist als unsere. Sobald wir in sein Revier kamen, hat es immer ganz laut geschimpft und gemeckert.
