Etappe 1: Vom Caribou RV Campground bis kurz hinter der Braeburn Lodge
Vier Tage vergehen wie im Flug. Obwohl unser Stellplatz nur wenige hundert Meter vom Alaska Highway entfernt liegt, gelingt es uns tatsächlich, etwas zur Ruhe zu kommen und Kraft für die nächste Etappe nach Dawson City zu sammeln. Mittlerweile hat sich auch der Ablauf vor jeder Weiterfahrt eingespielt. Jeder weiß inzwischen genau, was wann zu erledigen ist, sodass das morgendliche Packen und Verstauen inzwischen fast schon routiniert abläuft und jeden Tag etwas schneller von der Hand geht.
Bevor wir Whitehorse verlassen, stehen allerdings noch zwei wichtige Aufgaben auf dem Programm: den Tank mit Diesel und unsere Propangasflaschen füllen. Letzteres funktioniert hier übrigens etwas anders als in Deutschland. Während man bei uns die leeren Flaschen in der Regel einfach gegen volle austauscht, gibt es in Kanada zusätzlich einige Stationen, an denen die eigenen Flaschen direkt wieder befüllt werden können.
Unsere Wohnkabine besitzt zwei Propangasflaschen. Eine davon ist bereits komplett leer, die zweite etwa noch halb voll. Und da wir gerne alles einmal ausprobieren, entscheiden wir uns diesmal für das Nachfüllen statt für einen Austausch. So einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, ist es allerdings nicht.
Irgendwo hatten wir gelesen – oder vielleicht wollten wir es auch einfach nur glauben –, dass sich die Flaschen direkt auf unserem Campingplatz befüllen lassen. Fehlanzeige.
Also fahren wir zu Canadian Tire – unserem mittlerweile fast schon offiziellen Shop des Vertrauens. Nach rund vierzig Minuten Warten, Nachfragen und einer kleinen Reise von Pontius zu Pilatus stellt sich jedoch auch dort heraus: Wieder Fehlanzeige.
Der dritte Versuch führt uns schließlich zu einer Tankstelle am Ortseingang von Whitehorse – und diesmal haben wir Glück. Hier gibt es wirklich alles, was das Camperherz begehrt: Diesel, Trinkwasser, eine Dump Station und eben auch Propangas. Auf die Dump Station können wir heute zwar verzichten, nicht aber auf das Gas. Schließlich soll die Infrastruktur entlang des Dempster Highways eher… sagen wir einmal… überschaubar sein. Also stellen wir uns in die Schlange und lassen beide Flaschen wieder vollständig befüllen. Mit vollem Tank und gefüllten Gasflaschen machen wir uns schließlich auf den Weg.


Der Wendekreis eines kleinen Kreuzfahrtschiffes
Ausgerechnet heute begrüßt uns der Yukon mit einem Wetter, das wir bisher auf unserer Reise kaum kennengelernt haben. Es regnet in Strömen und die Scheibenwischer geben wirklich alles.
Und natürlich verpasse ich genau bei diesem Wetter die Abzweigung auf den Klondike Highway.
Statt Dawson City taucht plötzlich Haines Junction auf den Wegweisern auf. Das kann unmöglich richtig sein. Also bleibt nur eins: wenden.
Wer nun glaubt, das sei mit einem Ford F-350 Super Duty eine Sache von wenigen Sekunden, der war noch nie mit einem ausgewachsenen amerikanischen Pickup samt Wohnkabine unterwegs. Um es einmal vorsichtig auszudrücken: Einen Wendekreis besitzt der F-350 zwar – gefühlt entspricht dieser allerdings eher dem eines kleinen Kreuzfahrtschiffes.
Solange genügend Platz vorhanden ist, fährt sich der Wagen absolut souverän. Will man allerdings die Richtung ändern, beginnt man allerdings automatisch nach einem größeren Parkplatz oder einer zweiten Ausfahrt zu suchen. Anders gesagt: Der F-350 ist ein fantastisches Reisefahrzeug – solange die Straße geradeaus verläuft. Muss man wenden, empfiehlt es sich, etwas Zeit und ungefähr einen halben Fußballplatz einzuplanen.
Entsprechend “entspannt” gestaltet sich unser Wendemanöver. Eine Fahrspur je Richtung, kein Seitenstreifen, 90km/h Geschwindigkeit, dafür tiefe Gräben neben der Fahrbahn, Starkregen und entsprechend schlechte Sicht – genau die Bedingungen, unter denen man sich möglichst wenig Rangieren wünscht. Da kommt echte Freude auf.
Natürlich werden jetzt einige sagen: »Warum bist du nicht einfach bis zur nächsten Abfahrt weitergefahren?« Ganz einfach: Die wäre erst rund 30 Kilometer später gekommen. Sechzig Kilometer Umweg nur wegen einer verpassten Abzweigung? Nein, danke. Das muss anders gehen.
Immerhin hat das kleine Abenteuer einen positiven Nebeneffekt: Unser Puls ist anschließend wieder auf Betriebstemperatur und Müdigkeit ist für die nächsten Stunden garantiert kein Thema mehr.
Doch zunächst müssen wir überhaupt erst einmal wieder auf den richtigen Weg finden. Diesmal übersehe ich die unscheinbare Abzweigung zum Glück nicht – und damit beginnt endlich unsere Fahrt auf einem der berühmtesten Highways Kanadas: dem Klondike Highway.


Die Geschichte des Klondike Higways
Mit dem Klondike Highway liegt einer der geschichtsträchtigsten Highways Kanadas vor uns. Auf rund 530 Kilometern verbindet er Whitehorse mit Dawson City und folgt dabei den Spuren des berühmten Klondike-Goldrausches. Der Name der Straße erinnert an jene Zeit, als Ende des 19. Jahrhunderts Zehntausende Goldsucher in den hohen Norden aufbrachen. Eine richtige Straße gab es damals allerdings noch nicht. Die meisten Abenteurer gelangten über den Chilkoot- oder White Pass nach Alaska und bauten sich nach der beschwerlichen Überquerung der Berge Boote, mit denen sie den Yukon River bis nach Dawson City hinabfuhren.
Der heutige Klondike Highway entstand erst viele Jahrzehnte später. Mit dem Bau der Straße wurde in den 1950er-Jahren begonnen. Nach und nach verband sie bestehende Schotterpisten und Versorgungswege miteinander, bis Anfang der 1960er-Jahre erstmals eine durchgehende Straßenverbindung zwischen Whitehorse und Dawson City bestand. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Strecke kontinuierlich ausgebaut und vollständig asphaltiert. Heute ist sie ganzjährig befahrbar und bildet gemeinsam mit dem Alaska Highway das Rückgrat des Straßennetzes im Yukon.
Mit der Fertigstellung des Highways ging allerdings gleichzeitig eine Epoche zu Ende. Zwar hatte bereits die Eröffnung der White Pass & Yukon Route Eisenbahn im Jahr 1900 einen großen Teil des Personen- und Güterverkehrs übernommen, doch auf dem Yukon River blieben Schaufelraddampfer noch viele Jahrzehnte unverzichtbar. Erst die ganzjährig befahrbare Straßenverbindung machte den regelmäßigen Transport von Menschen, Post, Lebensmitteln und Baumaterial auf dem Fluss zunehmend überflüssig. Die großen Dampfschiffe verschwanden nach und nach aus dem Alltag des Yukon. Wie wir bereits erfahren haben ist eines der bekanntesten Schiffe dieser Zeit die SS Klondike, die heute als National Historic Site in Whitehorse steht. Nachdem wir den „Steamer“ vor wenigen Tagen selbst besucht haben, bekommt ihre Geschichte nun eine ganz neue Bedeutung.

Auch heute führt die Straße noch durch einige der wichtigsten Orte des Yukon. Nach dem Verlassen von Whitehorse erreicht man zunächst Braeburn, danach folgen Carmacks, Pelly Crossing und Stewart Crossing, bevor schließlich Dawson City erreicht wird. Jeder dieser Orte erzählt ein kleines Stück Yukon-Geschichte und diente einst als wichtiger Versorgungs- und Handelsplatz entlang des Yukon River.
Wenn der Klondike Highway plötzlich zum Trash-Horrorfilm wird: Gejagt vom Monstertruck
Doch bevor wir unseren ersten geplanten Stopp – das Braeburn Lodge Roadhouse mit seinen weit über die Grenzen des Yukon hinaus bekannten riesigen Cinnamon Rolls erreichen, sorgt der Klondike Highway erst einmal für einen weiteren und diesmal ordentlichen Adrenalinschub.
Bei strömendem Regen werden wir mit über 100 km/h von einem Fahrzeug mit gelber Rundumleuchte überholt. Solche Fahrzeuge kennen wir bereits von anderen Highways im Norden. Meist fahren diese als Begleitfahrzeug für Schwertransporte mit Überbreite voraus und kündigen diese frühzeitig an. So auch diesmal.
Kaum ist das Fahrzeug an uns vorbei, ertönt hinter unserem Camper ein tiefes, immer lauter werdendes Brüllen. BRRRROOOOOOMMMMM… Ein gewaltiger Lkw-Motor arbeitet sich mit beeindruckender Geschwindigkeit an uns heran. Wenige Sekunden später füllt nur noch ein riesiger Kühlergrill meinen Rückspiegel aus.
Nach dem ersten Schreck fällt mir tatsächlich nichts Besseres ein, als meiner Frau von diesen amerikanischen Trash-Horrorfilmen zu erzählen, in denen ein ahnungsloses Pärchen nachts von einem mörderischen Monstertruck verfolgt wird, bis irgendwo im Wald der Kettensägen-Serienmörder auf seinen großen Auftritt wartet.
Hätte die Situation nicht gerade erschreckend real gewirkt – mit dem immer lauter werdenden Motor direkt hinter uns –, hätte sie vielleicht sogar darüber lachen können. Rückblickend muss ich allerdings zugeben: Einen unpassenderen Zeitpunkt hätte ich mir für diese Geschichte kaum aussuchen können.
Die Straße vor uns ist schmal, kurvig und die Fahrbahn vom Starkregen mit Pfützen übersät. An ein sicheres Überholen ist zunächst überhaupt nicht zu denken. Doch plötzlich bietet sich eine Gelegenheit: Vor uns wird das Begleitfahrzeug deutlich langsamer. Ohne lange nachzudenken nutze ich die Chance, beschleunige und ziehe mit etwas über 90ig Sachen an ihm vorbei.
Für einen kurzen… wirklich sehr kurzen Moment macht sich ein Gefühl der Erleichterung breit. Geschafft! Der Gefahr entkommen!
Keine zwei Minuten später beginnt das Spiel von vorne.
Zuerst drängelt wieder das Servicefahrzeug. Kurz darauf ertönt erneut das immer lauter werdende Aufheulen des riesigen Dieselmotors hinter uns. In diesem Moment siegt mein Überlebenstrieb und ich merke dass mein Heldentum vielleicht doch nicht zu meinen größten Stärken gehört.
Zum Glück folgt wenig später ein längerer gerader Abschnitt. Ich gehe vom Gas, setze den Blinker und halte mich so weit rechts wie möglich, damit der komplette Konvoi vorbeiziehen kann. Endlich. Ich atme auf. Hauptsache, wir wurden weder von der Straße gedrängt noch anschließend irgendwo in einer einsamen Blockhütte im Yukon mit einer Kettensäge zerlegt um als Wintervorrat eingelagert zu werden.
Doch der eigentliche Höhepunkt folgt erst jetzt.
Erinnert ihr euch noch an die Bilder weiter oben? Falls jemand dachte, das wäre dichter Nebel oder Straßengraben gewesen … herzlichen Glückwunsch – leider falsch.
Der Langhauber stößt beim Überholen eine derart gewaltige Abgaswolke aus, dass ich kurz überlege, die Feuerwehr zu rufen. Leider gibt es hier draußen im Yukon so gut wie keinen Handyempfang. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als mit großzügigem Abstand hinter dem Konvoi herzufahren und darauf zu hoffen, dass der Wind die Rußwolke irgendwann von der Straße weht und die ganze Fuhre nicht vor uns in Flammen aufgeht.
Gerade noch amüsiere ich mich darüber, dass der Koloss vermutlich nicht mehr allzu weit kommen wird, da wird die Wolke plötzlich noch dichter. Teilweise können wir die Straße kaum noch erkennen.
Nach der nächsten Kurve brülle ich nur noch: „Foto! Foto! Gib mir schnell das Handy! Das glaubt uns sonst kein Mensch!“
Gerade noch rechtzeitig schaffe ich ein paar Bilder zu machen.
Das berühmte Karma hat zugeschlagen.
Nur wenige hundert Meter weiter steht der Schwertransporter qualmend auf der linken Straßenseite. Aus einem der beiden Auspuffe steigt dichter Rauch auf, davor und dahinter stehen die Begleitfahrzeuge mit eingeschaltetem Blinklicht.
Tja … hoffentlich haben sie außer dem passenden Schraubenschlüssel auch gleich einen Ersatzmotor dabei.
Ein kleines Grinsen konnte ich mir in diesem Moment jedenfalls nicht verkneifen. Vor allem aber war ich ziemlich erleichtert, dass unser ganz persönliches Katz-und-Maus-Spiel auf dem Klondike Highway damit endlich ein Ende gefunden hatte und wir die angekündigten riesigen Cinnamon Buns dann doch noch lebend genießen dürfen.



Die Geschichte von der Braeburn Lodge und seinen Zimtschnecken
Die riesigen Hefeschnecken der Braeburn Lodge gehören inzwischen schon zum Pflichtprogramm für alle, die auf dem Klondike Highway unterwegs sind. Direkt gegenüber von der Lodge befindet sich außerdem eine kleine Landebahn, auf der regelmäßig Buschflugzeuge starten und landen – ein herrlich nordisches Bild, das perfekt zur Atmosphäre des Yukon passt.



Als wir dort ankommen, ist die Enttäuschung allerdings groß. Das Roadhouse wirkt wie ausgestorben. Die Zufahrt ist abgesperrt, das Gebäude scheint geschlossen und auch die Außenterrasse ist nicht zugänglich. Nach etwas Recherche erfahren wir, dass das Roadhouse nach einem Besitzerwechsel zuletzt nur noch eingeschränkt betrieben wurde und zeitweise sogar komplett geschlossen war. Ob Renovierungsarbeiten, Personalmangel oder organisatorische Gründe ausschlaggebend waren, lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Schade – auf die berühmten Cinnamon Rolls hatten wir uns eigentlich schon den ganzen Vormittag gefreut.
Heute steht nichts auf dem Speiseplan – zumindest nicht ich.
Enttäuscht fahren wir schließlich weiter. Unser Ziel für diesen Abend liegt noch ein gutes Stück entfernt – ein Übernachtungsplatz kurz hinter Braeburn, den ich zuvor auf den Satellitenbildern entdeckt habe. Er liegt direkt zwischen dem Klusha Creek und dem Klondike Highway und sieht auf den ersten Blick überraschend vielversprechend aus.
Mit dieser Art der Stellplatzsuche habe ich bisher allerdings kaum Erfahrung. Bisher haben wir meist auf offiziellen Campgrounds oder bekannten Plätzen übernachtet. Heute verlassen wir uns zum ersten Mal fast ausschließlich auf das, was uns die Satellitenbilder verraten. Entsprechend gespannt bin ich, ob diese Methode wirklich funktioniert.
Mit knurrendem Magen rollen wir die letzten Kilometer über den Klondike Highway – und werden nicht enttäuscht. Vor uns öffnet sich eine große Schotterfläche, umgeben von Wald. Ein paar Feuerstellen verraten sofort, dass wir wohl nicht die Ersten sind, die diesen Platz entdeckt haben. Ansonsten ist niemand hier. Nur wir.

Wir parken den Camper in einer kleinen Seitenbucht, richten unser Nachtlager ein und genießen diese besondere Ruhe, die man nur an solchen Orten findet. Irgendwie fühlt es sich zwar immer noch etwas ungewohnt an, einfach irgendwo in der Wildnis zu stehen. Gleichzeitig sprechen weder Verbotsschilder noch Schranken dagegen, und die Feuerstellen zeigen, dass dieser Platz schon vielen Reisenden vor uns als Übernachtungsplatz gedient hat.

Nach dem langen Fahrtag möchte ich mir noch ein wenig die Beine vertreten und die Umgebung erkunden. Dabei gilt allerdings wie immer im Yukon: niemals vergessen, dass man sich hier mitten im Bärenland bewegt. Ob Schwarzbär, Braunbär oder Grizzly – auf eine persönliche Begegnung kann ich gut verzichten. Also heißt es: Bärenspray und Pfeife in die Jacke, Satelliten-Notfallkommunikation eingepackt und los geht’s.

Und dann? Nichts.
Kein Rascheln im Gebüsch. Kein Knacken der Äste. Kein neugieriger Vierbeiner, der nachschauen möchte, wer sich da in seinem Revier herumtreibt.
Vielleicht wirke ich mit meiner Ausrüstung einfach zu furchteinflößend. Vermutlich haben die Bären beschlossen, lieber einen großen Bogen um diesen seltsamen Zweibeiner zu machen, der voll bewaffnet durch durch den Wald spaziert.
Oder – und das ist wahrscheinlich die ehrlichere Erklärung – ich hatte einfach Glück.
Denn wenn ich ehrlich bin, war ich ziemlich froh, dass mir an diesem Abend niemand auf die Schulter getippt, freundlich zu mir heruntergelächelt und mit tiefer Stimme gefragt hat: „Na, was machst du denn hier in meinem Wald?“
Nach einen leckeren Abendessen … fallen uns schnell die Augen zu … meine letzten Gedanken sind … und morgen, morgen kommen wir endlich in Dawson City an.