WDAE: Whitehorse und der Miles Canyon


Streckenabschnitt – Caribou RV Park – Whitehorse via Miles Canyon

Nach zwei Nächten im Caribou RV Park machen wir uns auf, Whitehorse etwas genauer kennenzulernen. Mit rund 32.000 Einwohnern lebt hier etwa zwei Drittel der gesamten Bevölkerung des Yukon. Trotz seiner vergleichsweise geringen Größe wirkt Whitehorse – wie soll ich schreiben – „erstaunlich komplett“. Große Supermärkte, Baumärkte, Werkstätten, Krankenhäuser und sogar ein internationaler Flughafen machen die Stadt zum wichtigsten Versorgungszentrum des gesamten Nordens. Wer in den Yukon oder weiter nach Alaska unterwegs ist, kommt an Whitehorse einfach nicht vorbei.

Whitehorse, von jeden Winkel der Stadt sieht man es Schneebedeckte Berge

Etwa zehn Minuten bevor wir Whitehorse erreichen, machen wir aber einen kleinen Schlenker und fahren zum Miles Canyon. Dieser ist eigentlich nur eine schmale Schlucht, die sich der Yukon River über Jahrmillionen tief in schwarze Basaltfelsen gegraben hat. Das intensiv grünlich bis türkisfarbene Wasser wirkt heute fast friedlich. Ende des 19. Jahrhunderts war der Canyon jedoch berüchtigt. Die starke Strömung und die unmittelbar folgenden White Horse Rapids machten eine sichere Durchfahrt nahezu unmöglich.

Heute erinnert nur noch wenig an diese hektische und gefährliche Zeit. Eine kurze Wanderung führt zunächst zur hölzernen Robert-Lowe-Hängebrücke, die sich elegant über die engste Stelle des Canyons spannt und einen beeindruckenden Blick auf das türkisgrün schimmernde Wasser bietet, das sich zwischen den dunklen Basaltwänden hindurchzwängt.

Auf der Holzbrücke
Der Miles Canyon – mit einer Holzbank am Eingang des Canyon

Der Miles Canyon und die Robert-Lowe-Hängebrücke

Die Robert-Lowe-Hängebrücke stammt aus dem Jahr 1922 und überspannt genau die engste Stelle der Schlucht. Von ihr aus lässt sich gut erahnen, welche Gewalt der Fluss hier entwickelt. Heute spazieren Wanderer entspannt darüber. Vor gut 125 Jahren sah das allerdings ganz anders aus.

Die hölzerne Robert-Lowe-Hängebrücke aus 1922

Zur Zeit des Klondike-Goldrausches war der Miles Canyon der wohl gefährlichste Abschnitt auf dem gesamten Wasserweg nach Dawson City. Tausende Goldsucher hatten ihre Boote an den Seen Bennett und Lindeman gebaut und wollten von dort über den Yukon River in Richtung der Goldfelder rund um Dawson City im Klondike aufbrechen. Doch hier wurden sie jäh ausgebremst. Die enge Basaltschlucht beschleunigte den Fluss so stark, dass Boote zerschellten oder kenterten. Hunderte Boote gingen verloren, mehrere Menschen kamen ums Leben. Schließlich griff die North-West Mounted Police ein: Niemand durfte den Canyon mehr ohne erfahrenen Lotsen passieren. Wer das Risiko scheute, ließ Boot und Ausrüstung auf einer hölzernen Tramway an der Schlucht vorbeitransportieren und setzte seine Reise erst unterhalb der Stromschnellen fort.

Das Etappenziel ist in Sicht – Die Holzbank am Eingang zum Canyon
Etappenziel erreicht – Die Holzbank am Eingang zum Canyon

Mit dem Bau der White Pass & Yukon Route Eisenbahn änderte sich schließlich alles. Waren und Passagiere gelangten nun direkt bis nach Whitehorse. Erst hier wurden sie auf die großen Heckraddampfer umgeladen. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Zeit ist die S.S. Klondike, die heute als Museumsschiff direkt am Yukon River in Whitehorse liegt und unser nächstes Ziel in Whitehorse ist.

Das beeindruckende Dampfschiff transportierte einst über viele Jahre Fracht und Passagiere zwischen Whitehorse und Dawson City und war einer der letzten kommerziell eingesetzten Heckraddampfer auf dem Yukon. Genau darin liegt auch die Verbindung zwischen der S.S. Klondike und dem Miles Canyon: Die Dampfschiffe befuhren den Yukon River erst unterhalb der gefährlichen Stromschnellen. Der Miles Canyon markierte über viele Jahre den Übergang zwischen dem beschwerlichen Weg der Goldsucher und der eigentlichen Flussreise nach Dawson City. Erst nachdem Boote und später auch Fracht den Canyon überwunden oder umgangen hatten, begann die lange Fahrt auf dem Yukon River.

Genau hier liegt auch die Verbindung zwischen dem Miles Canyon und Whitehorse. Der Canyon war einer der entscheidenden Gründe dafür, dass sich Whitehorse zum wichtigsten Umschlagplatz des Yukon entwickelte. Erst nachdem Boote oder später Fracht den Canyon überwunden beziehungsweise umgangen hatten, begann die eigentliche Flussreise nach Dawson City. Ohne diesen natürlichen Engpass hätte sich Whitehorse vermutlich nie zu dem bedeutenden Verkehrsknoten entwickelt, der die Stadt später wurde.

Der Wanderweg entlang des Miles Canyon

Während wir weiter nach Whitehorse fahren, fällt uns immer wieder auf, wie eng Geschichte und Gegenwart hier miteinander verbunden sind.