WDAE – Tag 6 – Tag 9: Zurück nach Dawson oder die Sehnsucht nach erholsamem Schlaf und Asphalt


Rückweg von Tuktoyaktuk

Eine weitere unruhige Nacht

Auch diese Nacht war nicht besser. Wir haben 9:30 und mann, bin ich müde und gerädert. Hoffentlich hat wenigstens JD etwas besser geschlafen. Doch als ich neben mich greife, ist der Platz bereits geräumt und kalt. Sie sitzt mit unglücklichem und zerknittertem Gesicht vorn in der Dinette und wettert leise über jedes an uns vorbeifahrende Quad. Mehr brauche ich nicht zu wissen: Wir müssen dringend weiter und brauchen endlich mal wieder einen ruhigen Platz und eine ordentliche Mütze Schlaf.

Zusätzlich sehnen wir uns nach etwas Asphalt. Nicht wegen des Fahrens auf selbigem, sondern wegen des fehlenden Staubs, der in die Kabine eindringt. Die Kabine wurde zwar jedes Mal gewischt, aber es macht einfach keinen Spaß, nach jedem Fahrtag alles voller Staub zu haben. Trotz sorgfältiger Reinigung hängt mittlerweile in fast jeder Ritze noch etwas davon. Mangels besserer Alternativen werde ich heute vor der Abfahrt die Eingangstür am Heck mit Gaffa-Tape zukleben. Vielleicht bringt das etwas Entspannung. Wenn wir in Dawson sind, werde ich erst einmal Türdichtbänder und Blue Painter’s Tape kaufen. Vielleicht hilft uns das auf den kommenden Wellblechpisten weiter.

Bei dieser Gelegenheit widmen wir uns auch dem Problem mit der Lüftungsklappe des Campers. Ich klettere auf eine Holzbank in der Nähe zu unserem Stellplatz, um irgendwie an die äußere Lüftungsklappe zu kommen, und finde zu meiner Überraschung zwei Kunststoffverriegelungen, die die Klappe fest fixieren. Also hat der Hersteller der Kabine das Problem mit den über die Lüftungsklappe eindringenden Insekten wohl schon erkannt und eine Lösung vorgesehen. Ich traue dem Braten aber nicht ganz und klebe die Klappe zusätzlich zur Verriegelung noch mit meinem geliebten Gorilla Tape ab.

Hinter dem Truck steht die Parkbank: Aussenklappe verriegelt und zusätzlich abgeklebt – check.

Abschied von Tuktoyaktuk

Wir frühstücken heute nur schnell und verabschieden uns von unserem Stellplatz. „Ich zahle für diese Nächte keinen Cent“, grummelt JD. „Wenn die schon Geld für den Stellplatz haben wollen, dann sollen sie auch einen Mindeststandard einhalten. Dazu gehört auch, der Community mitzuteilen, vielleicht etwas Rücksicht auf die zahlenden Touristen zu nehmen – zumindest für ein paar Stunden in der „Nacht““. Ich kann sie zwar verstehen, habe dazu aber gemischte Gefühle und bin mir nicht unsicher. „Dann hätten wir hier nicht stehen bleiben sollen – und zwar direkt zwei Nächte“, erwidere ich und ernte Unmut. Ja, ich kann sie nur zu gut verstehen. Allerdings haben wir den Platz genutzt und wussten was der Platz kostet.

Wir verlassen unseren Stellplatz – Das Eis ist fast verschwunden
Berge von Treibholz. Ob das für den kommenden Winter genutzt wird?

Wir fahren aus dem kleinen Ort heraus. Ich schaue JD an und meine: „Okay. Wollen wir einfach so, ohne zu bezahlen vorbeifahren?“ Dabei düse ich schon am Besucherzentrum vorbei. Kurz darauf fällt unsere Entscheidung: Wir wollen zahlen. Schließlich sind Regeln Regeln und wir haben den Platz in Kenntnis der Kosten genutzt. Also wird schnell kehrtgemacht und JD bezahlt unsere Rechnung.

Als sie wieder ins Auto kommt, meint sie: „Wir haben alles richtig gemacht. Die Dame vom Besucherzentrum hatte Bilder von unserem Auto von jedem einzelnen Tag und wusste ganz genau, dass wir zwei Nächte da oben gestanden hatten“. nachdem sie zusätzlich. Also: So entspannt läuft das dann auch in Tuk nicht und wir sind froh, dass wir – auch wenn die Versuchung groß war – nicht ohne zu zahlen weitergefahren sind.

Wir verlassen nun endgültig und mit einem guten Gefühl die Gemeinde, erhaschen einen letzten Blick auf den Pingo am Ortsrand und fahren zügig weiter. Wir wollen unbedingt noch nach Inuvik und unser ausgelassenes Frühstück durch ein Mittagessen ersetzen, bevor wir die beiden Fähren nehmen. Eine ambitionierte Strecke, denn wir sind erst gegen Mittag gestartet. Aber wir wollen zurück – auch weil Unwetter vorausgesagt sind und wir spätestens dann mit unseren Reifen größere Probleme bekommen könnten.

Der letzte Pingo wird am Parc Canada Besucherzentrum direkt vor Tuktoyaktuk fotografiert

Inuvik: Versorgung, Begegnungen und ein letzter Einkauf

Die Weiterfahrt nach Inuvik verläuft recht unspektakulär. Wir lassen wieder Schwarz- und Grauwasser ab und füllen Trinkwasser auf, bevor wir noch tanken und DEF – unser AdBlue – auffüllen.

Der Tankwart ist wieder einer der vielen freundlichen und interessierten Einheimischen und fragt uns, woher wir kommen, wohin wir fahren und wie uns „sein Land“ gefällt. Traumhaft – und das ist kein Deut gelogen. Der Dempster und der weitere Verlauf nach Tuk sind landschaftlich und von den Erlebnissen her ein absoluter Traum.

Er lacht: „Nur doof mit den Mücken. Da oben wird es auch bald ungemütlich.“ Er verabschiedet uns mit einem letzten Tipp: „Kommt das nächste Mal im März wieder. Da ist die Strecke noch schöner und viel besser. Dann liegt noch Schnee auf der Piste, es staubt weniger und man merkt die Schlaglöcher kaum.“ Ich staune und denke: Okay, dann müssen wir wohl noch einmal im März in den Yukon beziehungsweise in die NWT. Ich grinse und freue mich über diesen Gedanken – und den neuen Ohrwurm.

Aber jetzt erst einmal in unseren NorthMart. Die sind schon ein wenig verrückt hier. Die Uhr und deren Logik sind mit unserer irgendwie nicht so ganz kompatibel. Wir sind durch den Haupteingang in den Laden gegangen – dachten wir zumindest. Auf der rechten Seite ist die Information, dann kommt eine Bank und so etwas wie ein Warenkaufhaus. Auf halber Treppe liegt der Sitzbereich der Cafeteria, und wieder eine halbe Treppe höher kommen erst eine Theke für warme Speisen und danach der Lebensmittelladen. Alles wirkt aber wie ein Laden und aus einem Guss.

Wir kaufen zuerst etwas zu essen und begeben uns dann eine halbe Etage tiefer in den Sitzbereich der Cafeteria. „Schmeckt gar nicht so schlecht“, merken wir gerade an, als ein Verkäufer aus dem Warenkaufhaus mit einer massiven Kette und einem starken Schloss zu uns und den anderen Gästen kommt und meint: „Wir schließen jetzt – ihr müsst hier weg.“

„Aber wir haben doch noch keine Lebensmittel eingekauft“, sage ich etwas panisch. Der Verkäufer antwortet: „Ach, das ist doch kein Problem. Der Lebensmittelladen hat ja noch offen.“ Okay – hier gibt es also ein Laden-im-Laden-Konzept. Das muss man auch erst einmal verstehen.

JD und ich trennen uns. Sie geht mit dem restlichen Essen in unser Fahrzeug und ich nach oben in den Lebensmittelladen. „Ich komme dann mit dem Einkauf zu dir“, sind meine letzten Worte, bevor das Tor zwischen uns beiden geschlossen wird.

Ich kaufe ein und erlaube mir, so hoch im Norden unseren heutigen Speiseplan noch etwas aufzuwerten: getrocknete Mangos und Erdbeeren. Was für ein Traum.

Danach geht es durch die rückseitige Tür zurück zu unserem Auto, wo ich eine ziemlich genervte JD antreffe. „Das kann doch wohl nicht sein. Während ich hier im Auto saß, bin ich gleich von mehreren Personen angesprochen worden. Die ersten beiden wollten Geld von mir. Danach hat es irgendwie an unserem Auto gewackelt. Ich bin dann nach draußen – und da war doch tatsächlich einer, der in unsere Kabine einbrechen wollte. Was ist denn hier los?“

Uncool. Wir verlassen den Ort mit einem unguten Gefühl. Bei späterer Recherche erfahren wir, dass es in Teilen der NWT und des Yukon erhebliche soziale Probleme gibt und Alkohol, Drogen sowie Kriminalität in manchen abgelegenen Regionen eine Rolle spielen. Betrachtet man die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe genauer und differenzierter, stößt man auf eine Geschichte, die einen nachdenklich macht: darauf, was Menschen anderen Menschen angetan haben, um ihnen die eigene, vermeintlich einzig richtige Philosophie, Kultur oder Glaubenswelt aufzuzwingen.

Ich habe dazu genauer recherchiert und die Ergebnisse für Inuvik in einer Wissensbox zusammengefasst. Wer interessiert ist, kann sich hier gern ein eigenes Bild von der Situation machen und ein eigenes Fazit ziehen.

Wissensbox: Inuvik – zwischen kolonialem Erbe und Selbstbestimmung


Zurück über die Fähren

Für uns geht es nun schnell weiter – wir wollen noch die beiden Fähren schaffen. Und wir schaffen sie, wenn auch schon zu recht später Stunde und über neue Zuwegungen. Die alten wurden in der Zwischenzeit offenbar ordentlich überspült und müssen erst wieder präpariert werden. Diese ersten Platzregen sind die Vorboten des nahenden Unwetters.

Gegen 21:30 Uhr fahren wir von der zweiten Fähre. Jetzt haben wir „nur noch“ die Piste des Dempsters vor uns. „Nur noch“ ist nett gesagt, schließlich bedeutet das weitere rund 550 Kilometer bis zum Ende des Dempster Highway und damit bis zur Einfahrt auf den Klondike Highway in Richtung Dawson City.

Der arme Mopped Fahrer. Staubpisten kurz vor der Fähre.

Midway Lake – von der vermeintlichen Geisterstadt zum kulturellen Treffpunkt

Wir fahren weiter. Im Vorfeld habe ich bereits einen Stellplatz auf einem Gravel Pit in der Nähe des Midway Lake ausgesucht. Schon auf dem Hinweg nach Tuk konnten wir dort eine Ansammlung von Hütten erkennen, die auf keiner unserer Karten eingezeichnet war. Was uns auf der Hinfahrt verwundert hat, soll nun auf der Rückfahrt ein gelungener Übernachtungsplatz werden.

So setze ich den Blinker und verlasse den Dempster Highway kurz hinter Fort McPherson. Wir biegen in die Zufahrt zum angedachten Stellplatz und damit in Richtung Midway Lake ein.

Manchmal fährt man an einen Ort, weil man genau weiß, was einen dort erwartet. Man hat Reiseführer gelesen, Karten studiert und vielleicht sogar schon die Geschichte des Ortes recherchiert. Und manchmal fährt man einfach irgendwo hinein, weil dort ein Stellplatz liegen soll, man aber sonst gar nichts darüber weiß. Midway Lake war bei uns eindeutig Variante zwei.

Umso gespannter biegen wir in die Straße zu dieser kleinen „Siedlung“ ein, die auf keiner unserer Karten wirklich eingezeichnet ist und durch die wir offenbar zu unserem Übernachtungsplatz fahren müssen. Doch bereits nach wenigen Metern überkommt mich ein ziemlich komisches Gefühl. Sind wir hier wirklich richtig?

Die Straße sieht so gar nicht wie die Zufahrt zu einer normalen Siedlung aus. Und überhaupt: Normalerweise versuchen wir, unsere Übernachtungsplätze möglichst weit entfernt von Siedlungen zu finden. Warum führt uns die Navigation jetzt ausgerechnet hier hindurch?

Noch etwas ist merkwürdig: Es gibt keinen Verkehr. In praktisch jeder noch so kleinen Siedlung, an der wir bisher im Norden vorbeigekommen sind, begegnen uns Fahrzeuge. Pick-ups fahren hinein oder heraus, irgendwo steht ein Quad, Menschen sind unterwegs. Hier: nichts.

Dann passieren wir ein Schild am Straßenrand: „WELCOME – MIDWAY LAKE MUSIC 20 FESTIVAL 24“. Okay, denke ich und versuche, die Information auf dem Schild zu verarbeiten. Event: Festival. Ort: Midway Lake. Jahr der Veranstaltung: 2024. „Alter“, rufe ich erstaunt, „wir haben 2026!“ Was macht hier, mitten im Nirgendwo, ein zwei Jahre altes Festivalschild? Ist das etwa gar kein Ort, sondern war hier vor zwei Jahren ein Festivalgelände?

Was hat das zu bedeuten – „wir haben 2026“

Ein paar Meter später kommt ein weiterer Hinweis, der sinngemäß bedeutet: „This is a non-alcohol and no-drug area.“ Okay – ein Festival ohne Alkohol und Drogen. Kopfkratz. Gibt es so etwas überhaupt? Ich finde die Vorstellung jedenfalls extrem cool, und sie bekommt meine Anerkennung. Kurz darauf sehen wir an einem Gebäude ein weiteres Schild mit dem Schriftzug: „Respect our Land.“

„Respect OUR Land“

Langsam hätten auch bei mir ein paar Alarmglocken klingeln können. JD fühlte sich die ganze Zeit unwohl dabei, auf dieses Gelände zu fahren. Ich war aber zu sehr auf den Stellplatz für die Nacht fixiert und irgendwie im Entdeckermodus.

Also noch einmal: Festival. 2024. Keine Drogen. Kein Alkohol. Respektiert unser Land. Die korrekte Reaktion wäre wahrscheinlich gewesen: anhalten, Smartphone herausnehmen und zwei Minuten recherchieren, wo wir hier eigentlich hineinfahren. Allerdings befinden wir uns auf einem Abschnitt ohne Handyempfang, und ich entscheide mich für die mir zu diesem Zeitpunkt einzig realistisch erscheinende und wissenschaftlich ebenfalls anerkannte Methode: einfach mal gucken.

Willkommen in der „Geisterstadt“

Und dann wird es erst richtig merkwürdig. Zwischen den Bäumen stehen plötzlich zahlreiche einfache und bunte Holzhütten. Die Fenster und Türen sind teilweise mit Planen oder Brettern verschlossen. Es gibt Wege, kleine Plätze und Einrichtungen, die eindeutig darauf hindeuten, dass hier Menschen zusammenkommen.

In der Mitte der Anlage befindet sich sogar ein großer Platz mit einer richtigen Bühne. Nur Menschen gibt es scheinbar keine. Keine Musik. Keine Kinder. Keine Autos, die herumfahren. Niemand, der uns neugierig anschaut. Nichts.

Es sieht aus, als hätten die Bewohner fünf Minuten zuvor kollektiv beschlossen, alles stehen und liegen zu lassen und möglichst schnell zu verschwinden. Tschernobyl am Dempster Highway – nur mit mehr Fichten.

Und zu diesem Zeitpunkt wissen wir tatsächlich noch immer nicht, was wir hier eigentlich vor uns haben. Das alte Festivalschild von 2024 trägt nicht unbedingt zur Aufklärung bei. Also fahren wir weiter in Richtung des Gravel Pits, auf dem wir eigentlich übernachten wollen.

Und dann riechen wir etwas. Holzkohle. Hier verbrennt jemand etwas. Das passt nun überhaupt nicht zu unserer Theorie einer verlassenen Geisterstadt. Offenbar ist die Apokalypse doch noch nicht vollständig vollzogen.

Wir schauen genauer hin. Vor mindestens einer der Hütten steht ein Pickup-Truck, und aus dem Kamin einer anderen Cabin steigt Rauch auf. Hier sind wohl doch noch einige Menschen.

Mein Gehirn produziert kurzfristig noch eine letzte alternative Erklärung: Haben sich vielleicht ein paar Vagabunden in diesem verlassenen Festivaldorf eingerichtet? Aber eigentlich weiß ich in diesem Moment bereits, dass diese Theorie ziemlich großer Unsinn ist.

Denn plötzlich ergibt sich aus all den kleinen Dingen ein anderes Gesamtbild: „Respect our Land.“ Die Hütten. Der Pickup. Der Rauch. Und dieses unangenehme Gefühl, das ich bereits seit unserer Einfahrt habe.

Wir sind hier nicht richtig. Genauer gesagt: Wir gehören hier nicht hin.

Also verzichten wir auf unseren geplanten Übernachtungsplatz, drehen um und fahren zurück zum Dempster Highway. Zum Glück.

Ich habe es noch nicht gecheckt – bei JD hat es bereits früher klick gemacht.

Was wir damals nicht wussten

Erst viel später habe ich recherchiert, wo wir am 24. Juni eigentlich hineingefahren waren. Und seitdem ärgere ich mich über meine eigene Naivität.

Denn Midway Lake ist keineswegs irgendeine verlassene Siedlung am Dempster Highway. Es ist ein wichtiger kultureller Treffpunkt der Gwich’in, insbesondere für Menschen aus dem nahegelegenen Fort McPherson – Teetł’it Zheh. Und die vermeintliche Geisterstadt hat eine lange Tradition.

Seit Mitte der 1960er-Jahre findet hier jährlich das Midway Lake Music Festival statt. Was als Zusammenkunft von Familien begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem bedeutenden regionalen Treffen der Gwich’in, das einmal im Jahr für mehrere Tage im August stattfindet. Im Mittelpunkt stehen Fiddle Music, Jigging, Square Dance, Gesang und gemeinschaftliches Feiern. Dazu kommen Storytelling, gemeinsames Essen und vor allem die Begegnung verschiedener Generationen sowie die Weitergabe gesellschaftlichen und kulturellen Wissens.

Das Festival ist familienorientiert sowie alkohol- und drogenfrei. Plötzlich bekommt auch dieses Schild, an dem wir etwas ratlos vorbeigefahren waren, einen völlig anderen Stellenwert: „This is a non-alcohol and no-drug area.“ Das war keine Warnung vor irgendwelchen dubiosen Bewohnern einer merkwürdigen Siedlung, sondern gehört zum Selbstverständnis dieses Ortes.

Und was hat es mit den Hütten auf sich? Hier lag vermutlich mein größtes Missverständnis. Die Cabins sind keine verlassenen Festivalbuden, die irgendwann vergessen wurden. Viele sind private Familienhütten, bleiben dauerhaft am Midway Lake stehen und werden jedes Jahr erneut genutzt.

Während des größten Teils des Jahres kann das Gelände deshalb auf Außenstehende tatsächlich nahezu verlassen wirken. Aber verlassen ist eben nicht dasselbe wie aufgegeben. Zum August Long Weekend verändert sich Midway Lake vollkommen. Familien kommen zusammen, beziehen ihre Cabins, zusätzliche Zelte werden aufgebaut, Feuerholz wird vorbereitet, es wird gekocht, musiziert und getanzt. Die große leere Bühne, vor der wir im Juni standen, wird dann zum Mittelpunkt des Geschehens.

Midway Lake besitzt noch eine weitere Bedeutung. Der Ort wird auch für sogenannte On-the-Land-Aktivitäten genutzt. Dazu gehören beispielsweise Gwich’in Language Immersion Camps, bei denen Elders Sprache, Geschichten, praktische Fähigkeiten und traditionelles Wissen an jüngere Generationen weitergeben.

Und plötzlich erscheint auch der Rauch aus dem Kamin in einem vollkommen anderen Licht. Wir waren nicht durch eine verlassene Geisterstadt gefahren. Wir waren – ohne es zu wissen – mitten in einen kulturell bedeutenden Ort einer indigenen Gemeinschaft hineingefahren.

„Respect our Land“

Im Nachhinein beschäftigt mich ausgerechnet dieses Schild am meisten: „Respect our Land.“ Ich habe es gesehen. Ich habe es gelesen. Und trotzdem konnte ich keinen Kontext herstellen und bin weitergefahren.

Nicht, weil ich respektlos sein wollte. Nicht, weil ich bewusst irgendwelche Grenzen überschreiten wollte. Sondern aus einer Mischung aus Ahnungslosigkeit, kindlicher Neugier und der Überzeugung, dass unser Waypoint uns schon irgendwie zu einem öffentlichen Gravel Pit führen würde.

Das entschuldigt es nicht. Und heute, während ich diesen Text schreibe, ärgere ich mich darüber. Denn mit dem Wissen, das ich jetzt über Midway Lake und seine Bedeutung für die Gwich’in habe, wäre ich damals nicht auf dieses Gelände gefahren.

Immerhin hat unser Bauchgefühl irgendwann besser funktioniert als meine Reisevorbereitung. Wir haben weder die Cabins betreten noch angefangen, den Ort zu Fuß zu erkunden oder neugierig durch Fenster zu schauen. Wir sind einfach umgedreht.

Das Midway Lake Festival Gelände von oben.

Eine kleine Lektion vom Dempster Highway

Vielleicht ist genau das eine der interessanteren Lektionen unserer Reise durch den Norden Kanadas. Wir Europäer sind daran gewöhnt, dass interessante Orte irgendwie für uns erschlossen sind oder klar darauf hingewiesen wird, wenn etwas privat ist: Parkplatz. Informationstafel. Besucherzentrum. Öffnungszeiten. Vielleicht noch ein Café und ein Souvenirshop.

Aber nicht jeder interessante Ort ist eine Sehenswürdigkeit. Und nicht jeder Ort, den man erreichen kann, ist deshalb automatisch ein Ort, an den man hingehört.

Midway Lake ist kein Stellplatz für die Nacht und auch keine skurrile Geisterstadt am Dempster Highway. Es ist ein besonderer Ort der Gwich’in People.

Deshalb bitte ich jeden, der dieses Gelände besuchen möchte, nicht einfach ohne Erlaubnis daraufzufahren. Wer mehr darüber erfahren oder das Gelände besuchen möchte, sollte sich vorher in Fort McPherson/Teetł’it Zheh beim Teetł’it Gwich’in Council beziehungsweise bei den Verantwortlichen des Festivals erkundigen und fragen, ob ein Besuch erwünscht oder erlaubt ist.

Einfach hinein- und hindurchzufahren, weil Google Maps irgendwo dahinter einen brauchbaren Stellplatz vermuten lässt? Würde ich heute definitiv nicht mehr machen.

Und vielleicht war dieses etwas ungute Gefühl bei unserer Einfahrt auch gar nicht so schlecht. Es brauchte nur etwas zu lange, bis der Kopf verstanden hatte, was der Bauch längst wusste.

Denn wenn man an einem Schild mit „Respect our Land“ vorbeifährt, danach eine menschenleere Ansammlung von Cabins entdeckt, aus einem der Schornsteine Rauch aufsteigt und vor der nächsten Hütte ein Pickup steht, sollte die nächste Frage vielleicht nicht lauten: „Ob der Gravel Pit dahinten wohl eben ist?“ Sondern: „Alter, was zum Teufel machst du hier eigentlich?“

Wer mehr über die Geschichte vom Midway Lake Festival erfahren möchte, kann sich hier ein eigenes Bild machen.

Endlich Schlaf

Nach diesem Erlebnis fahren wir noch etwas nachdenklich weiter, ohne wirklich zu verstehen, was wir dort gerade gesehen haben. Gegen 23 Uhr finden wir einen schönen Platz, etwas erhöht über dem Dempster Highway. Vollkommen erschöpft fallen wir ins Bett. Diesmal sind wir nicht allein, sondern umzingelt von mehreren anderen Fahrzeugen, deren Besatzungen sich ebenfalls von den Strapazen der Piste ausruhen, um morgen weiterzufahren – in welche Richtung auch immer.

Wir waren gestern so müde, dass wir einfach in das staubige Bett gefallen und eingeschlafen sind. Als wir heute Morgen die Vorhänge öffnen, sind wir mehr als überrascht. Gestern standen auf der Anhöhe noch etwa sieben verschiedene RVs – jetzt sind wir fast allein. Ein einziger Wohnwagen samt Zugfahrzeug steht noch dort. Kein Wunder: Es ist mittlerweile fast 11 Uhr und wir haben noch nicht gefrühstückt.

Allerdings sind wir sehr glücklich. Wir haben zwar geschwitzt wie die Tiere im Stall ohne Belüftung, dafür hatten wir keinen Besuch von den sechsbeinigen Quälgeistern. Unsere Maßnahme hat funktioniert. Also: Problem erkannt, Problem gebannt. Wieder etwas für uns optimiert.

Erfahrung und Ausblick: Ein Camper muss „eingelebt“ werden

Auch wenn wir zu Hause ein eigenes Wohnmobil besitzen, sind wir schon viele verschiedene Leihcamper gefahren. Alle, so neu sie auch waren, hatten irgendwelche Mängel oder Hinterlassenschaften der Vorbesitzer beziehungsweise Vormieter, um die wir uns kümmern mussten.

So hat auch unsere Kabine – obwohl sie erst wenige Tausend Kilometer gelaufen ist und nur sehr wenige Vormieter gehabt haben kann – den einen oder anderen Mangel oder eine Eigenheit, die man erst einmal erkennen muss und die wir während unserer Reise behoben oder optimiert haben.

Eines zeigt sich immer wieder: Bis man einen Camper in einen Zustand bekommt, in dem er zuverlässig funktioniert und man sich wohlfühlt, vergehen ein paar Tage. Bis man aber alle Eigenheiten des Modells kennt und es für sich angepasst hat, dauert es mehrere Wochen und oft mehrere Urlaube. Ein weiterer Grund, warum ein eigenes Fahrzeug – so teuer es auch sein mag – Gold wert ist.

Viele Weltreisende lassen ihr Fahrzeug genau aus diesen Gründen bereits mindestens zwei Jahre vor der großen Reise fertigen. So können sie in den Jahren davor Kinderkrankheiten beheben, das Fahrzeug nach eigenem Gusto optimieren und es wirklich gut kennenlernen.

Gewitter über dem Dempster

Wir wollen so schnell wie möglich los, denn wir möchten den Dempster nun möglichst zügig verlassen. Ich trete vor den Camper und strecke mich erst einmal. „Wow“, sage ich, „was für ein schöner Morgen“, und freue mich über den blauen Himmel mit ein paar Blumenkohlwolken, während ich Richtung Norden schaue.

Blick Richtung Norden

„Äh, hast du mal in die andere Richtung geschaut?“, ertönt es aus dem Camper. Ich drehe mich um. Verdammt – da ist sie wieder, unsere Sorge von gestern: das Unwetter. Die Berghänge Richtung Süden sind voller Gewitterwolken und es frischt bereits auf. Die Vorboten des Unwetters nahen. Die ersten Gewitterzellen stehen in den Startlöchern.

Und Richtung Süden
360Grad

Wir fahren weiter und genießen die besondere, aufgeladene Stimmung, bis der erste helle Blitz vor uns am Horizont erscheint. Ein paar Sekunden später folgt ein derartiger Donner, dass die Scheiben unseres Fahrzeugs vibrieren.

„Was war denn das?“, frage ich JD. „Ist hier gerade eine Bombe runtergekommen und wir haben die Druckwelle erlebt?“ – „Darüber macht man keine Witze. Und jetzt lass uns schnell zum nächsten sicheren Platz kommen, bevor das große Unwetter kommt“, antwortet sie.

Also: ein beherzter Tritt aufs Gaspedal und weiter in Richtung Sicherheit. Kurz danach sagt JD: „Schau mal – da brennt es!“ Offenbar hat ein Blitz einen Baum getroffen. Für einen kurzen Moment hat sie eine kleine Feuersäule gesehen, doch dann bleibt nur noch der Rauch.

Leider sind das die Momente, die man kaum auf Kamera festhalten kann. Zu imposant und umfassend ist das Geschehen. Man steht nur da, beobachtet und fragt sich, was gerade passiert. Einen Moment der Realisierung später ist alles schon wieder vorbei. Wir aber sehen unsere ersten kleinen, offenbar blitzbedingten Feuer und wollen nur noch vom Dempster herunter.

Denn hier, in dieser abgelegenen Lage und ohne Internet, könnten wir bei einem sich unkontrolliert ausbreitenden Feuer Warnmeldungen zu spät oder gar nicht erhalten. Der Himmel ist voller Blitze.

Unser erstes Wildfire in Kanada

Wir beginnen, die Sekunden zwischen Blitz und Donner zu zählen und schätzen die Entfernung mit der bekannten Faustformel ab: Sekunden zwischen Blitz und Donner geteilt durch drei ergeben ungefähr die Entfernung in Kilometern. Als die Zeitspanne zwischen beiden Ereignissen unter zwei Sekunden sinkt, entscheiden wir uns anzuhalten und lassen das Unwetter gemeinsam mit einigen anderen wartenden Trucks über uns hinwegziehen.

Doch was wir dann erleben, ist ein wahrhaftiges Naturschauspiel. Blitze zucken nicht nur vom Himmel zum Boden, sondern verlaufen auch horizontal über mehrere Kilometer von Wolke zu Wolke oder innerhalb einer Wolke. So etwas haben wir noch nie gesehen. Sehr beeindruckend – auch wenn es ein wenig beängstigend wirkt.

Glücklicherweise hält dieses starke Gewitter nur etwa 30 Minuten an. Danach machen wir uns wieder auf den Weg Richtung Süden.

Noch einmal im Flussbett

Heute wollen wir noch unseren alten Stellplatz im Flussbett erreichen und hoffen, dass es immer noch trocken ist. Und wir haben Glück: Das Flussbett ist trocken und in unmittelbarer Umgebung wird nur wenig Regen erwartet. Auch flussaufwärts gibt es genügend Ausweichfläche.

Der morgen nach dem Unwetter. Das Flussbett ist weiterhin trocken.

Wir hoffen, dass sich das Flussbett nicht binnen Minuten in einen reißenden Fluss verwandelt. Wir stehen leicht erhöht und gehen davon aus, dass es schon passen wird. Und es passt. Wir schlafen relativ gut, besuchen am folgenden Tag noch das Visitor Center und übernachten ein letztes Mal frei am Dempster.

Elchkuh – Im Wasser
Elchkuh – Die Rückseite
Elchkuh – Von Vorne

Das Ende des Dempster Highway

Dann ist er vor uns: zuerst Asphalt und danach die blaue Holzbrücke. Wir verlassen den Dempster Highway. Irgendwie sind wir stolz, erleichtert und auch ein wenig traurig.

Was war das für eine erlebnisreiche und beeindruckende Reise. Was haben wir für eine tolle Landschaft gesehen und für außergewöhnliche Dinge erlebt. Insgesamt waren wir rund 1.940 Kilometer und neun Tage auf dem Dempster und dem Inuvik–Tuktoyaktuk Highway unterwegs – und bereuen keinen einzigen davon.

Würden wir den Dempster wieder fahren? Unbedingt. Dann aber wahrscheinlich entweder im März oder Ende August und anderen Reifen – wegen den Straßenbedingungen und der Mücken.

Wir verlassen den Dempster – Etwas Wehmut und viel Vorfreude auf Dawson


Ein letztes Foto für meine Africa-Twin-Freunde

Noch ein letztes Foto für meine Africa-Twin-Freunde. Die Mehrzahl der Motorräder entlang des Highways waren Honda Africa Twins – egal ob die neue Generation, die RD07a oder die RD07. Ich habe sie alle gesehen.

Hier ein Bild einer Reisegruppe, die gerade erst gestartet ist: drei Twins, ein Boxer. Das war dann wohl auch ungefähr das Verhältnis auf dem Dempster: Honda vor BMW, vor KTM und Yamaha mit der Ténéré; danach Husqvarna mit der Norden und einige andere Exoten, primär aus Japan und China.

Würde ich den Dempster mit dem Motorrad fahren? Unbedingt. Aber man muss auf den groben und teilweise weichen Schotter achten – sonst endet die Fahrt schnell im Gestrüpp und anschließend möglicherweise mit dem Flugzeug im Krankenhaus.

Kein schönes Ende einer Reise. Leider haben wir zwei Personen auf dem Weg ins Krankenhaus fliegen sehen sowie einige Abschlepper, die defekte Autos, Camper und leider auch stark beschädigte Motorräder zurück nach Dawson transportierten.

Reiseenduros auf dem Weg nach Tuktoyaktuk


🦫 Ronja & Helena aufgepasst: Das ist Parka!

Vielleicht habt ihr sie auf unserem Foto schon entdeckt: Parka, den kleinen Biber mit dem knallgelben Hut, der grünen Weste und dem gelben Halstuch.

Und jetzt eine letzte Frage an euch beide: Könnt ihr herausfinden auf welchem Bild in diesem Artikel ihr Parka das erste mal findet und wo Parka genau steht?

Parka ist nämlich nicht irgendein Biber. Sie ist das offizielle Maskottchen von Parks Canada und damit so etwas wie eine kleine Rangerin. Ihre Aufgabe ist es, vor allem Kindern Kanadas wilde Natur, die Nationalparks und die vielen besonderen Tiere näherzubringen.

Und Parka hat sogar eine eigene Geschichte: Angeblich wurde sie im riesigen Wood Buffalo National Park geboren, der teilweise in den Northwest Territories liegt. Dort gibt es etwas, das für einen Biber natürlich besonders wichtig ist: den längsten bekannten Biberdamm der Welt! Er ist etwa 850 Meter lang. Da hätte Parka ordentlich zu tun. 😄

Warum ausgerechnet ein Biber? Der Biber ist eines der bekanntesten Tiere Kanadas und sogar ein offizielles Symbol des Landes. Er ist ein fantastischer Baumeister: Mit seinen kräftigen Zähnen fällt er Bäume und baut daraus Dämme und Biberburgen.

An verschiedenen Orten von Parks Canada kann man Parka treffen – manchmal als große Figur wie auf unserem Foto und manchmal sogar als lebensgroßes Maskottchen.

Und jetzt eine letzte Frage an euch beide:
Wenn ihr Parka einen Tag lang bei ihrer Arbeit als Rangerin begleiten dürftet – würdet ihr lieber Biber beobachten, Bären suchen oder einen riesigen Nationalpark erkunden? 🐻🦫🌲

Liebe Grüße aus Kanada an Ronja und Helena! 🇨🇦