Abenteuer oder blanker Wahnsinn?
Es gibt Straßen, die bringen einen einfach nur von A nach B. Und dann gibt es jene Straßen, die selbst zum eigentlichen Reiseziel werden. Straßen, bei denen man schon lange vor dem ersten Kilometer Gänsehaut bekommt und sich gleichzeitig fragt, ob man eigentlich noch ganz bei Trost ist. Der Dempster Highway mit seiner Verlängerung über den Inuvik–Tuktoyaktuk Highway gehört für mich definitiv in diese Kategorie.
Schon seit Monaten freue ich mich auf diese Strecke und hatte diese schon recht früh auf meine persönliche “WDAE-MustDo-Liste” gesetzt. Heute freue ich mich diese Straße – naja eher Piste zu fahren und bin gespannt auf die verschiedenen Landschaften und Erfahrungen, die wir in den nächsten Tagen machen werden. Im Vorfeld habe ich mich aber bewusst nicht zu genau mit der vor uns liegenden Strecke auseinandergesetzt. Ich will diesen möglichst unvoreingenommen erleben. JD geht es scheinbar nicht anders und als sie mich mit anschaut und fragt: “Warum nochmal fahren wir da hoch?” fällt mir wenig ausser Abenteuer, Einsamkeit, Staub, Mitternachtssonne, Natur, Wildnis, Tiere und das Polarmeer ein. Okay, sind viele Worthülsen – aber ich freue mich auf die Strecke und das, was ich gelesen haben verspricht viel schönes und besonderes für die nächsten Tage. Mir ist das wichtigste Bewusst – wir werden größtenteils keinen Handyempfang haben, die Strecke ist überwiegend Schotter und in einem schlechteren mal in einem besseren Zustand. Wir sollten Tanken, wo wir können, mindestens aber in Eagle Plains und Inuvik und ich plane nur irgendwo entlang der Piste zu übernachten. Gut, nicht ganz unerwartet hält sich ihre Begeisterung in Grenzen aber ich hoffe auf möglichst viele spontane Tiersichtungen, die auch für meine Freundin die Piste zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Meine Vorfreude ist jedenfalls ungebrochen und er kribbelt mich in jeder Nervenbahn des Körpers – ich will endlich starten und sehen, ob wir hier das immer wiederkehrende echte Abenteuer erleben werden.
Fast 1.760 Kilometer Schotter liegen vor uns – hin und zurück. Kaum Tankstellen, kein Mobilfunk über weite Strecken, nur zwei kleine Siedlungen und dazwischen eine der ursprünglichsten Landschaften Nordamerikas. Genau deshalb habe ich diese Piste auf meine ToDoListe geschrieben – ach so – und wegen dem Polarkreis. Diesen haben wir schon in vielen Ländern überquert – aber halt noch nicht in Kanada. Der muss unbedingt noch auf einer weiteren Liste “der mit den Polarkreisen” ergänzt werden.

Quelle: https://www.nomade-aventure.com/voyage-aventure/canada/road-trip-en-truck-camper-sur-la-dempster-highway/can32l?utm_source=chatgpt.com”
Wie gut, dass der Highway inzwischen fertiggestellt ist und wir heute auch im Sommer mit unserem Camper bis nach Tuktoyaktuk fahren können. Noch vor wenigen Jahren wäre diese Reise auf dem Landweg nicht möglich gewesen.
Nach vier Wochen unterwegs in British Columbia und dem Yukon soll der Dempster Highway der bisherige Höhepunkt unserer Reise werden. Zum ersten Mal wollen wir den Polarkreis in Kanada überqueren und bis nach Tuktoyaktuk fahren – einem kleinen Ort am Arktischen Ozean, der bis vor wenigen Jahren überhaupt nicht über eine Straße erreichbar war.
Ob wir dort tatsächlich ankommen und was wir unterwegs erleben werden?
Das wissen wir in diesem Moment selbst noch nicht…. Drum lasst uns starten uns die Reise ans Polarmeer beginnen
ACHTUNG … Bevor ihr weiterlest … ACHTUNG
Hier endet meine persönliche Einleitung. Ab jetzt geht es um die Geschichte, den Bau und die Besonderheiten des Dempster Highway sowie des Inuvik–Tuktoyaktuk Highway.
Wenn euch vor allem unsere Reiseerlebnisse interessieren, könnt ihr gerne diesen Hintergrundteil überspringen und direkt mit dem bald erscheinenden Reisebericht weitermachen. Dort beginnt unsere Reise zum Polarmeer.
Alle anderen lade ich herzlich ein, mit mir auf eine kleine Zeitreise zu gehen. Gemeinsam werfen wir einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der beiden Highways und gehen der Frage nach, warum diese Straßen so außergewöhnlich sind, weshalb sie überhaupt gebaut wurden und welche enormen Herausforderungen der Bau auf Permafrostboden mit sich brachte. Das ganze Kapitel endet mit zwei Infokästen – einmal ein Roadbook und einmal eine Gegenüberstellung der beiden Highways.
Bis ans Polarmeer – eine Straße im Kampf gegen den Permafrost
Der erste Abschnitt, der Dempster Highway – offiziell Yukon Highway 5 und später Northwest Territories Highway 8 – beginnt rund 40 Kilometer östlich von Dawson City am Klondike Highway und endet nach etwa 736 Kilometern in Inuvik. Seit der Eröffnung des Inuvik–Tuktoyaktuk Highway (Northwest Territories Highway 10) im Jahr 2017 führt die Straße weitere 138 Kilometer bis nach Tuktoyaktuk. Gemeinsam bilden beide Highways heute die einzige öffentliche Straßenverbindung Kanadas zu einer Gemeinde an der Arktisküste.
Der Dempster Highway
Benannt wurde der Highway nach William John Duncan Dempster, einem Offizier der damaligen North-West Mounted Police, den Vorgängern der heutigen Royal Canadian Mounted Police. Im Winter 1911 führte Dempster eine Rettungsmission durch, nachdem eine Polizeipatrouille auf dem Weg nach Dawson verschollen war.

Die Suchmannschaft von Corporal William John Duncan Dempster kurz vor ihrem Aufbruch aus Dawson City am 28. Februar 1911.
Von links nach rechts: William J. D. Dempster, Frederick Turner, James Fyfe und der indigene Guide Charlie Stewart.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, die verschollene Fitzgerald-Patrouille zu suchen. Für die Vermissten kam jede Hilfe zu spät – doch Dempsters außergewöhnlicher Einsatz führte Jahrzehnte später dazu, dass Kanadas berühmteste Schotterstraße seinen Namen erhielt.
Mit dem Bau begann man Ende der 1950er-Jahre. Eigentlich sollte die Straße vor allem die abgelegenen Gemeinden im hohen Norden zuverlässig versorgen und die Erschließung der Erdöl- und Erdgasvorkommen im Mackenzie-Delta ermöglichen. Fertiggestellt wurde der Highway schließlich 1979.
Doch warum wurde die Piste nicht asphaltiert?
Diese Frage stellen wir uns immer wieder – in diesem Fall liegt die Antwort buchstäblich unter der Straße.
Große Teile des Highways verläiuft über Permafrostboden – also dauerhaft gefrorenen Untergrund. Würde man darauf einfach Asphalt aufbringen, würde dieser im Sommer durch die Wärme weich werden, absacken und innerhalb kürzester Zeit aufreißen. Was das bedeuten kann erleben wir später noch in Alaska – aber das sind die Geschichten von übermorgen. Aber wegen genau diesem Permafrostboden wurde der gesamte Highway wie ein riesiger Damm gebaut.
Meterdicke Schotterschichten isolieren den gefrorenen Boden darunter. Gleichzeitig kann Regenwasser besser ablaufen und der Untergrund bleibt möglichst stabil. Genau deshalb fährt man auf dem Dempster Highway auch nie “eben”. Die Straße wirkt fast wie ein langgezogener Bahndamm, der sich durch eine unendlich wirkende Wildnis schlängelt. Ob diese Bauart einen Nachteil hat? Staub – Unfassbar viel Staub.
Bis heute zählt er zu den außergewöhnlichsten Straßen Kanadas.
Der Inuvik–Tuktoyaktuk Highway
Lange Zeit war in Inuvik Schluss. Wer weiter nach Tuktoyaktuk wollte, musste auf das Flugzeug oder – je nach Jahreszeit – auf ein Boot oder die berühmte Eisstraße ausweichen. Eine ganzjährig befahrbare Straßenverbindung existierte schlichtweg nicht.
Kaum zu glauben, aber bis zur Eröffnung des Highway im Jahr 2017 war Tuktoyaktuk im Sommer überhaupt nicht mit dem Auto erreichbar. Trotzdem war der Ort keineswegs von der Außenwelt abgeschnitten – die Versorgung beruhte auf einer Kombination aus Eisstraße, Flugzeug, Schiff und traditioneller Jagd. Die Versorgung erfolgte im Winter über eine rund 190 Kilometer lange Eisstraße, während in den Sommermonaten Lebensmittel, Post und Medikamente ausschließlich per Flugzeug oder Versorgungsschiff in den hohen Norden gelangten. Einen wichtigen Teil ihrer Ernährung decken die Inuvialuit bis heute selbst durch Jagd und Fischfang – auf Beluga-Wale, Karibus, Robben und Fische. Erst der Highway machte Tuktoyaktuk ganzjährig auf dem Landweg erreichbar und verbindet den Ort seither dauerhaft mit dem nordamerikanischen Straßennetz.
Der Bau dieser Straße war ebenfalls alles andere als einfach. Auch hier verläuft die Trasse fast vollständig über Permafrostboden. Zahlreiche Flüsse und Feuchtgebiete wurden mit Dämmen und Brücken überwunden. Nach rund drei Jahren Bauzeit war es schließlich so weit: Am 15. November 2017 wurde der Highway offiziell eröffnet.
Auf weiteren rund 138 Kilometern führt die Straße seitdem bis nach Tuktoyaktuk – einem kleinen Inuit-Ort mit knapp 1.000 Einwohnern direkt am Arktischen Ozean. Damit wurde erstmals in Kanada das Polarmeer ganzjährig über das öffentliche Straßennetz erreichbar.
Für die Bewohner Tuktoyaktuks bedeutete das einen historischen Wendepunkt. Waren Lebensmittel, Baumaterialien oder Treibstoff zuvor oft nur per Schiff oder Flugzeug verfügbar, können sie heute das ganze Jahr über auf dem Landweg transportiert werden.
Infokästen Dempster Highway und Inuvik–Tuktoyaktuk Highway – Kanadas legendäre Straße zum Polarmeer
Obwohl der Dempster Highway zu den außergewöhnlichsten Straßen Nordamerikas gehört ist er gleichzeitig einer der wenigen, bei denen die Orientierung unterwegs nicht immer ganz einfach ist. Während der Highway den Yukon mit den Northwest Territories verbindet und später nahtlos in den Inuvik–Tuktoyaktuk Highway übergeht, beginnt die offizielle Kilometerzählung an jeder Territorialgrenze erneut bei 0. Wer Entfernungen vergleichen oder den nächsten Aussichtspunkt suchen möchte, verliert dabei schnell den Überblick.
Damit euch das nicht passiert, findet ihr weiter unten zwei Infokästen. Ein Roadbook mit durchgehender Gesamtkilometrierung ab dem Beginn des Dempster Highway am Abzweig vom Klondike Highway. Zusätzlich sind die offiziellen Kilometerangaben der jeweiligen Highways aufgeführt. So könnt ihr die Angaben auf den Kilometerpfosten entlang der Strecke jederzeit problemlos mit der tatsächlich bereits zurückgelegten Entfernung vergleichen.
Neben den wichtigsten Orten enthält unser Roadbook auch Tankstellen und Fähren, markante Aussichtspunkte und die landschaftlichen Höhepunkte auf dem Weg bis nach Tuktoyaktuk – an die Küste des Arktischen Ozeans. Auf Campingplätze habe ich bewusst verzichtet da wir keine Angefahren sind.
Der zweite Infokasten ist eine Vergleichstabelle, welche die wichtigsten technischen und touristischen Daten des Dempster Highway und des anschließenden Inuvik–Tuktoyaktuk Highway übersichtlich zusammen. Sie zeigt auf einen Blick die Unterschiede beider Straßen und verdeutlicht, warum erst das Zusammenspiel beider Highways die einzigartige Fahrt bis an die kanadische Arktisküste ermöglicht.
