WDAE – Tag 4: TUK, Pingos und das Polarmeer


Rückblick

Nach einer nahezu schlaflosen Nacht endet unsere Geduld um Punkt drei Uhr morgens und wir fahren gen Norden. Eigentlich wollten wir ausschlafen, gemütlich frühstücken und anschließend Richtung Polarmeer aufbrechen. Leider – wie wir bereits gestern vermutet hatten – wird daraus aber nichts. Wunschdenken! Unser Camper wird regelrecht von Mücken überrannt. Trotz abgeklebter Fenster, Türen und jeder noch so kleinen Ritze summt es überall, und wir erleben eine Invasion, wie wir sie uns in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Auf unserer Reise wurden wir bereits vor den aggressiven Mückenschwärmen im Norden des Landes gewarnt – aber diese Intensität überrascht uns dann doch. Welche Ausmaße das noch annehmen wird, erahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Mittlerweile habe ich allerdings einen konkreten Verdacht. Alles deutet darauf hin, dass die Mücken über die Dunstabzugshaube beziehungsweise deren Außenklappe ihren Weg in die Kabine finden. Überprüfen kann ich es zwar noch nicht, aber je länger wir suchen, desto wahrscheinlicher erscheint genau diese Theorie. Allerdings konnte ich gestern während dieser Mückenplage nicht nach draußen gehen, ohne mein Leben zu riskieren. Hört sich übertrieben an – war es aber nicht.

Also bleibt nur noch die Flucht nach etwa drei Stunden Halbschlaf. Kaffee? Fehlanzeige. Frühstück? Ebenfalls nicht. Um drei Uhr werfen wir alles ins Fahrzeug, starten den Motor und verlassen unseren Stellplatz panikartig. Noch im Auto kämpfen wir gegen die mit uns eingestiegenen Mücken und hetzen Richtung Inuvik.

Die Flucht

Etwa dreißig Kilometer nachdem wir losgefahren sind, fragt mich JD mit leichter Panik im Gesicht: „Sag mal – hast du eine Idee, wo mein Handy ist? Ich hatte es noch bei mir, bevor ich ins Auto eingestiegen bin.“

Doch das Handy ist nirgendwo im Fahrzeug zu finden. Wir können uns auch nicht mehr genau daran erinnern, was wir beim Einsteigen alles dabeihatten. Es ging einfach alles viel zu schnell und viel zu fluchtartig. Wir befürchten das Schlimmste.

Perfekt – besser hätte der Tag kaum beginnen können.

Was heißt das jetzt für uns? Auf das Handy verzichten oder unser Glück versuchen und auf dem Rückweg danach Ausschau halten – vielleicht sogar noch einmal bis zum gestrigen Übernachtungsplatz zurückfahren? Ersteres kommt aus den verschiedensten Gründen nicht infrage.

Also halte ich in der Nähe einer Brücke an und verkünde heldenhaft: „Hey Girlfriend, lass mich in der Kabine nach deinem Handy suchen. Du musst das Auto nicht verlassen und in den Camper gehen – ich übernehme das. Mit den Mücken komme ich schon irgendwie klar.“

Damit opfere ich mich heldenhaft für sie und nutze unsere letzte Hoffnung, dass sich das Handy doch noch irgendwo in der Kabine befindet und wir nicht bis zu dem schrecklichen Übernachtungsplatz vom Vortag zurückfahren müssen.

Doch in dem Moment, in dem ich die Tür öffne, bereue ich mein Heldentum bereits.

Spoiler: Das, was hier nun passiert, ist der traurige Höhepunkt unserer Mückenproblematik. Das kann ich heute schreiben, weil das Erlebte für uns inzwischen bereits mehrere Wochen zurückliegt. Ich komme auf Reisen nicht immer sofort zum Schreiben und muss die vielen Eindrücke erst einmal verarbeiten – und davon gab es in den vergangenen Wochen mehr als genug. Glücklicherweise kann ich euch bereits verraten, dass dies wirklich das letzte Mal war, dass wir eine Mückeninvasion dieser Intensität – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kabine – erleben mussten. Die immer wiederkehrenden Berichte über Mücken werden deshalb nach und nach weniger, während die eigentlichen Highlights unserer Reise wieder deutlich stärker in den Vordergrund rücken. Also, lasst uns weiterreisen.

Eine schwarze Wolke stürmt auf mich zu, umschwärmt mich und sticht erbarmungslos zu. Ich höre nur noch Summen und kann kaum noch atmen – zu groß ist die Angst, die Tiere einzuatmen. Jeder Teil meines Körpers ist mit schwarzen Mücken übersät. Meine Haare, meine Ohren sowie meine Arme und Hände – die Drecksviecher fliegen sogar hinter meine Brillengläser und versuchen, mir irgendwie ins Auge zu stechen.

Ich schaffe es nicht mehr, mich zu schützen, und öffne mit letzter Geduld und Kraft die Tür der Wohnkabine. Erst einmal durchatmen, von dem Schrecken erholen und nach dem Handy suchen. Glücklicherweise finde ich es in einer Ritze im Alkoven und bin unendlich froh, dass wir es nicht unterwegs verloren haben.

Doch nun muss ich wieder hinaus aus der Aufsetzkabine und irgendwie in das rettende Fahrerhaus unseres F-350 gelangen. Doch – oh Wunder – die Tiere sind immer noch da.

Das, was nun passiert, habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.

Die Mücken scheinen inzwischen ihre gesamte Familie, alle Freunde und sämtliche Verwandten zur Hilfe gerufen zu haben. Es summt und schwirrt nur so um mich herum. Ich wedle mit den Händen und puste, was ich kann. Gegen diese schiere Anzahl an Mücken habe ich jedoch keine Chance.

Ich schaffe es gerade noch, die Tür der Wohnkabine zuzuschlagen und versuche im letzten Moment die Trittstufe hochzuklappen. Als ich dabei auf meine Arme schaue, bekomme ich leichte Panik. Arme und Hände sind kaum noch zu erkennen – stattdessen bedeckt ein schwarzer Teppich aus stechenden und saugenden Mücken meine Haut. Es ist nur noch an wenigen Stellen überhaupt Haut zu sehen.

Ich bekomme Herzrasen, meine Atmung wird flach, und ich habe das Gefühl, die Kontrolle vollständig zu verlieren. Alles in mir schreit nur noch: „Du musst hier weg, Alter – sonst war’s das!“

Panik.

Ich lasse alles stehen und liegen und renne nur noch zum Fahrersitz. Weder schließe ich die Wohnkabine ab, noch klappe ich die Leiter vollständig hoch oder sichere sie. Es geht einfach nicht mehr. Kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke schaffe ich es in die Fahrerkabine, starte den Motor, schalte das Gebläse auf Maximum und fahre so schnell wie möglich davon.

Leicht irritiert schaut mich JD an. Wahrscheinlich hatte sie bereits mit genau so einer Situation gerechnet und kämpft vom Beifahrersitz aus mit aller Kraft gegen die mit eingedrungenen Mücken.

Natürlich ist der Truck nun wieder voller Mücken. Fast eine Stunde brauchen wir, um ihre Anzahl Stück für Stück zu reduzieren. Währenddessen knallt und schmort es ununterbrochen im Camper. Die elektrische Mückenklatsche ist im Dauereinsatz und JD leistet ganze Arbeit.

Ich dagegen fahre wie paralysiert weiter und habe das Gefühl, dass mich die Tiere am ganzen Körper immer noch beißen. Es kribbelt überall. Nur langsam komme ich wieder zur Ruhe und betrachte meine Kopfhaut sowie den Rest meines Körpers. Alles ist übersät mit roten, juckenden Quaddeln. Es fühlt sich an wie eine Buckelpiste.

Damit habe ich wirklich nicht gerechnet und ich hoffe inständig, dass sich so etwas niemals wiederholt. Genauso wenig wie die unendliche Weite des Nordens lässt sich dieses Erlebnis wirklich in Worte fassen. Das, was sich hier im Blog und auf dem „Papier“ vergleichsweise harmlos anhört, war für mich in Wirklichkeit fast mein persönlicher Endgegner.

Wieder einmal eine Lesson learned. Die einzige Frage ist nur: Wie lange wird die nächste auf sich warten lassen?

Keine Ahnung warum ich einen Screenshot vom Tatort gemacht habe. Aber, für alle die über den Dempster zur ähnlichen Jahreszeit fahren werden. WARNING – This place is a real battle for your survival!

Eine willkommene Abwechslung: Ein Karibu

Wir fahren weiter. Kilometer um Kilometer scheint sich an der Landschaft nichts zu verändern – bis JD plötzlich nach vorne zeigt.

„Sag mal … was ist das da für ein schwarzer Fleck auf der Straße?“

Zuerst erkenne ich nur einen dunklen Punkt in der Ferne. Je näher wir kommen, desto deutlicher wird: Das könnte ein Tier sein. Vielleicht sogar eines mit Geweih? Also nehmen wir den Fuß vom Gas und rollen langsam weiter.

Wenig später gibt es keinen Zweifel mehr – mitten auf der Piste schlendert tatsächlich ein Karibu.

Während wir uns vorsichtig nähern, muss ich unweigerlich über seinen Gang schmunzeln. Irgendwie wirkt er herrlich unbeholfen. Mit seinen langen Beinen und dem gemütlichen Watscheln erinnert er mich eher an jemanden, der gerade verschlafen aus dem Bett gefallen ist, als an einen Bewohner der arktischen Wildnis. Nach den nervenaufreibenden Mückenerlebnissen der vergangenen Tage ist diese Begegnung jedoch eine mehr als willkommene Ablenkung.

Das Karibu bleibt erstaunlich gelassen, beobachtet uns einen Moment und scheint abzuwägen, ob wir die Mühe überhaupt wert sind. Schließlich wirft es uns einen letzten, leicht genervten Blick zu, dreht sich um und trottet gemächlich in Richtung des nahen Mackenzie-Delta davon.

Mit jedem Schritt wird das charakteristische Klicken seiner Sehnen leiser, bis es schließlich in der Weite des nahenden Deltas verstummt.

Wenigstens hat die frühe Morgenstunde noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die Tierwelt erwacht, und wir haben das Glück, ein Karibu in seiner natürlichen Umgebung beobachten zu dürfen.

Klick-Klick: Ein Karibu kurz vor dem Mackenzie-Delta

Wer mehr über Karibu und den uns in Europa bekannten Rentieren wissen möchte – für den habe ich eine Wissensbox gebaut. Diese findet Ihr hier

Alone und das Mackenzie-Delta

Bald darauf breitet sich vor uns das Mackenzie-Delta aus – eines der größten Binnendeltas der Erde. Tausende Wasserarme, Seen und Sümpfe prägen diese einzigartige Landschaft. Wer die Netflix-Reality-Serie „Alone – Staffel 11: Arctic Circle“ kennt, kann sich gut vorstellen, durch welche Wildnis wir gerade fahren.

Damit sind wir nicht mehr weit vom Ende des Dempster Highways entfernt. Wir freuen uns auf Inuvik – und hoffen vor allem auf deutlich weniger Mücken und endlich etwas mehr Schlaf als in den vergangenen Nächten.

Inuvik – Tor zur Arktis

Bevor wir Inuvik erreichen, kündigt sich die Zivilisation bereits mit dem Flughafen an. Kurz davor genießen wir nach den vielen Kilometern Schotter endlich wieder ein kleines Stück Asphalt, bevor der Inuvik–Tuktoyaktuk Highway beginnt – die erst seit 2017 ganzjährig befahrbare Straße zum Polarmeer.

Inuvik selbst entstand Ende der 1950er-Jahre als Versorgungszentrum des kanadischen Nordens. Heute leben hier überwiegend Gwich’in und Inuvialuit. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Reisen in die Tundra und zum Polarmeer.

Unser Plan für heute ist recht simpel: erst einmal frühstücken, um den panikartigen Aufbruch der vergangenen Nacht zu kompensieren, und anschließend den Camper für die nächste Etappe wieder fit machen.

Immerhin hebt ein Campingplatz unsere Stimmung ein wenig. Bereits gegen etwa sechs Uhr morgens entsorgen wir kostenlos Grau- und Schwarzwasser und füllen frisches Wasser auf. Was für ein wichtiger und angenehmer Service für Wohnmobilreisende! Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

Bei der Suche nach einem Frühstück und einem guten Kaffee sieht die Situation allerdings etwas anders aus. Wir folgen einer Google-Empfehlung und steuern ein Hotel an – die Werbung mit dem Slogan „Best Breakfast in Town“ ist einfach zu verlockend. Doch was passiert? Frühstück gibt es dort nur von Dienstag bis Samstag – und wir haben Sonntag.

Okay …

Man schickt uns weiter zu einem nahegelegenen Supermarkt, der sogar über eine Cafeteria verfügen soll. Dort gibt es allerdings erst ab 10:30 Uhr etwas zu essen. Cafés? Ebenfalls Fehlanzeige.

Irgendwann fragen wir uns ernsthaft, ob in Inuvik überhaupt jemand frühstückt.

Also kaufe ich in einem der kuriosesten Supermärkte unserer bisherigen Reise ein und stelle fest, dass für uns alltägliche frische Lebensmittel wie Brot, Obst und Gemüse in dieser abgelegenen Region deutlich eingeschränkter verfügbar sind – wenn überhaupt.

Noch nicht viel los in Inuvik
Größter Supermarkt in Town – leider sind wir zu früh
Okay – da braucht man Mut
Schnellverderbliche Produkte sind hier Mangelware – Ein Resultat der Abgeschiedenheit der Region

Zum Glück sind wir mit unseren Vorräten gut ausgestattet. Also frühstücken wir kurzerhand in unserem eigenen Zuhause auf vier Rädern, bevor wir über den Inuvik–Tuktoyaktuk Highway – eine Straße, die auf Permafrost gebaut wurde – weiter nach Tuktoyaktuk und damit zum Polarmeer fahren.

Doch noch ein kleiner, nicht ganz unwichtiger Zwischenruf.

Während wir in Inuvik nach einem Frühstück suchen, steht neben uns ein CanaDream-Camper aus der Whitehorse-Flotte. Im Gegensatz zu unserem Fahrzeug ist dieser nicht mit normalen Straßenreifen, sondern mit robusten AT-Reifen ausgestattet – genau den Reifen, die man sich auf dem Dempster Highway wünscht.

Reifen die man sich auf dem Dempster wünscht. AT-Reifen!

Wir sind mit unseren Straßenreifen hier ehrlich gesagt ziemlich unglücklich unterwegs. Das hat uns bereits die eine oder andere Schweißperle gekostet und sogar dazu geführt, dass wir auf manche Stellplätze lieber gar nicht erst gefahren sind. Sobald der Untergrund matschig wird, setzen sich die Reifen sofort zu. Trotz Allrad bleibt dann kaum noch Traktion, während Fahrzeuge mit breiteren und grobstolligeren AT-Reifen scheinbar mühelos an uns vorbeifahren.

Hinzu kommen auf dem Dempster Highway immer wieder tiefe Schlaglöcher und scharfkantige Steine. Auch hier bietet ein AT-Reifen mit seinen verstärkten Flanken ein deutliches Plus an Sicherheit.

Ich werde CanaDream demnächst wenn wir wieder Netz haben, auf jeden Fall fragen, warum wir ausgerechnet auf einer der anspruchsvollsten Schotterstraßen Nordamerikas mit normalen Straßenreifen unterwegs waren. Nach allem, was wir unterwegs gesehen haben, scheinen wir damit tatsächlich eine Ausnahme gewesen zu sein.

Von Inuvik bis Tuktoyaktuk – Auf dem letzten Stück zum Polarmeer

Nach unserem kurzen Frühstück geht es für uns auf die letzten rund 140 Kilometer unserer Reise zum Polarmeer. Schon beim Verlassen der Stadt wird deutlich: Dieser Straßenabschnitt unterscheidet sich spürbar vom Dempster Highway. Die Berge verschwinden endgültig aus dem Rückspiegel und machen einer nahezu endlosen Tundralandschaft Platz. Bäume werden immer seltener, bis sie schließlich ganz verschwinden.

Vor uns breitet sich eine weite, offene Landschaft aus, die auf den ersten Blick fast eintönig wirkt – wären da nicht die noch teilweise zugefrorenen Seen und die verbliebenen Schneefelder, die der Landschaft ihren ganz eigenen Reiz verleihen.

Auf dem Weg nach Tuk – es wird eisig

Je weiter wir Richtung Tuktoyaktuk fahren, desto häufiger entdecken wir etwas Ungewöhnliches am Straßenrand: Schneemobile und Hundeschlitten stehen scheinbar wahllos im Gras. Im ersten Moment wirkt dieser Anblick fast surreal. Mitten im Sommer, bei knappen aber zweistelligen Temperaturen, stehen Fahrzeuge für Eis und Schnee einfach neben der Straße.

Doch genau das macht den Norden aus. Die Schneemobile und Schlitten sind keine Dekoration, sondern alltägliche Gebrauchsgegenstände der Menschen hier oben. Sie erinnern uns eindrucksvoll daran, dass der Winter noch gar nicht lange vorbei ist. Noch vor wenigen Wochen war diese Straße vollständig von Schnee bedeckt. Einige Reisende berichteten uns sogar, dass das Polarmeer bei Tuktoyaktuk noch vor zwei Tagen zugefroren gewesen sei. Sogar Eisbären sollen sich dort noch auf dem Meereis aufgehalten haben. Kaum zu glauben, wenn man gerade bei Sonnenschein über dieselbe Straße fährt – und doch zeigt genau das, wie kurz und intensiv der arktische Sommer ist.

Schneemobile und Schlitten – kurz vor Tuk
Konvoi – kein Spaß wenn man in der Mitte fährt

Während wir weiterfahren, macht mich JD plötzlich auf etwas aufmerksam. Am Horizont ragt ein merkwürdiger Hügel aus der ansonsten flachen Landschaft hervor. Zunächst wirkt er fast künstlich – als hätte jemand einen riesigen, halbrunden Erdhügel mitten in die sonst flache Tundra gekackt. Je näher wir kommen, desto markanter wird seine Form. Die Hügel besitzen eine nahezu perfekte Halbkugel mit sanft gerundeten Flanken und erinnern aus der Ferne an kleine, grün bewachsene Vulkane oder an halbe aber große Eiskugeln.

Es sind unsere ersten Pingos.

Diese beeindruckenden Hügel gehören zu den markantesten Landschaftsformen der arktischen Permafrostgebiete. Unter ihrer Oberfläche wächst über viele Jahre hinweg ein Kern aus Eis, der den gefrorenen Boden langsam nach oben drückt und so diese außergewöhnlichen Erhebungen entstehen lässt. Rund um Tuktoyaktuk befindet sich eines der größten Pingo-Gebiete der Welt. Plötzlich verstehen wir, warum dieser Ort unter Geologen und Polarforschern so bekannt ist.

Eigentlich laden zahlreiche Aussichtspunkte und Informationstafeln entlang der Strecke dazu ein, mehr über diese faszinierende Landschaft zu erfahren. Auch im Besucherzentrum von Tuktoyaktuk gäbe es unzählige spannende Informationen über die Geschichte des Ortes, die Kultur der Inuvialuit und die Entstehung der Pingos. Doch heute fehlt uns dafür schlicht die Energie.

Die vergangenen Tage auf dem Dempster Highway haben ihren Tribut gefordert. Der permanente Schotter, die langen Etappen, der Schlafmangel, die Mückenschwärme und die Hitze im Camper stecken uns noch immer in den Knochen.

Pingo
Pingos auf dem Weg nach Tuk.

Wir wollen jetzt nur noch den Stellplatz am Besucherzentrum bezahlen, die Türen schließen und endlich schlafen. Am besten mückenfrei. Am besten ohne stickige Hitze. Einfach nur eine ruhige Nacht, bevor wir morgen das Ende der Straße – und damit Tuktoyaktuk und das Polarmeer – in aller Ruhe genießen können.

Ankunft in Tuktoyaktuk

Am Visitor Centre möchten wir die Gebühr für den einzigen Campingplatz direkt am Polarmeer bezahlen. Das Problem: Das Gebäude ist geschlossen. Trotz aller Müdigkeit warten wir hier geduldig mehr als eine Stunde. Doch niemand erscheint, obwohl das Besucherzentrum längst geöffnet haben sollte.

Öffnungszeiten des Besucherzentrum in Tuktoyaktuk

Irgendwann bin ich einfach zu müde, um noch länger zu warten. Also fahren wir hinunter zum Hafen und suchen uns einen Stellplatz.

Doch hier schlägt wieder das deutsche Gen durch – Ordnung muss schließlich sein. Überall weisen Schilder deutlich darauf hin, dass die Stellplatzgebühr vor der Nutzung des Campingplatzes im Visitor Centre bezahlt werden muss.

Was für eine Misere.

Glücklicherweise werden wir von Debbie und Beth angesprochen. Die beiden wissen allerdings ebenfalls nicht, wann dort normalerweise jemand auftaucht.

„Sucht euch einfach einen Platz und bezahlt später“, sagen sie ganz entspannt. Und falls euch doch jemand fragt, wer euch das erlaubt hat, ergänzt eine der beiden lachend:

„Just say: Debbie and Beth – the hottest bitches in town.“

Genau so entspannt scheint das Leben hier oben zu funktionieren.

Wenig später stehen wir tatsächlich direkt am Polarmeer. Nach all den Kilometern Schotter, Staub, Mücken, Fähren und den vielen kleinen und großen Herausforderungen dieser Reise lässt sich dieser Moment kaum in Worte fassen.

Manche Ziele erreicht man nicht einfach.

Man muss sie sich verdienen.

Und heute ist genau so ein Tag.

Erschöpft aber Glücklich

Mit diesem großartigen Ausblick aus unserem Camper verabschieden wir uns für heute. Wir hoffen, euch auch beim nächsten Reisebericht wieder mitnehmen zu dürfen.

Bis dahin – und wie inzwischen fast schon traditionell:

Sleep well

So einen Blick aus dem Camper hat man auch nicht so oft.

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