Tagesarchiv: 25. Juni 2026

WDAE – Etappe 3: Einmal Cassiar Highway, bitte!


Einleitung – Etappe 3 beginnt weiter unten

Der legendäre Cassiar Highway

Der Cassiar Highway (Highway 37) gehört zu den legendärsten Straßen Kanadas und verbindet auf rund 725 Kilometern Kitwanga in British Columbia mit dem Alaska Highway bei Jade City nahe Watson Lake im Yukon. Die Strecke wurde Anfang der 1970er Jahre gebaut und 1975 eröffnet, um die abgelegenen Bergbaugebiete im Nordwesten von British Columbia besser zu erschließen und den Zugang zu den reichen Erz- und Mineralvorkommen der Region zu ermöglichen. Anfangs bestand die Straße größtenteils aus Schotter. Erst in den folgenden Jahrzehnten wurden die einzelnen Abschnitte nach und nach asphaltiert. Die vollständige Asphaltierung wurde schließlich erst Anfang der 20er Jahren abgeschlossen, sodass der Cassiar Highway heute problemlos mit normalen Fahrzeugen befahren werden kann.

Wer in den Yukon reisen möchte, hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten: den Alaska Highway oder den Cassiar Highway. Letzterer gilt als die deutlich ruhigere Alternative zum wesentlich stärker frequentierten Alaska Highway. Die Strecke führt durch nahezu unberührte Wildnis mit gewaltigen Bergkulissen, dichten Wäldern, Gletschern und zahllosen Seen. Tankstellen, Orte und andere Infrastruktur sind selten. Dafür sind Begegnungen mit Schwarzbären, Grizzlys, Elchen oder Steinwild keine Seltenheit.

 

Etappe 3: Vom Upper Gnat Lake nach Watson Lake

Es geht weiter – und ich bin ein wenig wehmütig. Der Stellplatz der letzten Nacht war ein absoluter Traum und verkörpert für mich genau die Art von Freiheit, die ich mit einem autarken Camper verbinde. Irgendwann irgendwo ankommen und sich einfach wohlfühlen. Keine Verpflichtungen, zu einer bestimmten Uhrzeit irgendwo sein oder wieder wegfahren zu müssen. Kein Nachbar, der mit zu lauter Musik oder Heimwerken im Garten nervt, sondern einfach nur irgendwo stehen und die Natur genießen. Dass das dann auch noch an einem so tollen und einsamen Ort passiert, macht es umso schöner.

Übernachtungsplatz am Upper Gnat Lake
Übernachtungsplatz am Upper Gnat Lake

Wir starten in die vermutlich letzte Etappe des Cassiar Highways. Heute stehen nicht viele Highlights auf unserer Liste, sodass wir uns einfach treiben lassen und langsam Richtung Jade City rollen.

 

Jade City – die „Welthauptstadt“ der Nephrit-Jade

„Was ist das denn für ein seltsames Ortsschild?“, denke ich noch und wäre damit beinahe an Jade City vorbeigefahren, ohne die „Stadt“ überhaupt wahrzunehmen.

Ortschild Jade City

Jade City ist eine winzige Siedlung mit nur wenigen Dutzend Einwohnern direkt am Cassiar Highway. Die Region zählt zu den größten Vorkommen von Nephrit-Jade weltweit. Seit Jahrzehnten wird hier Jade abgebaut und verarbeitet.

Ich erkenne zunächst nur einen berühmten Jade Store, ein paar wenige Holzhäuser sowie Werkstätten und Lagerflächen für den Jadeabbau. „Was für eine Kirmes“, denke ich noch, bis mir die beeindruckend großen Jadeblöcke vor dem Geschäft auffallen.

Jade Store mit beeindruckenden Jadeblöcken

Neben den Jadevorkommen wurde die Siedlung vor allem durch die kanadische Fernsehserie „Jade Fever“ bekannt. Die Reality-Dokumentation begleitete die Familie Bunce zwischen 2015 und 2021 beim Abbau von Nephrit-Jade rund um Jade City. Für den Ort bedeutete die Serie einen enormen Bekanntheitsschub. Heute halten viele Alaska- und Yukon-Reisende allein deshalb hier an.

Jade Store mit beeindruckenden Jadeblöcken

Wir hingegen begnügen uns mit einem kurzen Rundgang, wundern uns über die Kuriositäten des Ortes und setzen unsere Reise bald fort.

Sogar mit Motel

 

Verbrannte Wälder soweit das Auge reicht

Während wir weiterfahren, verändert sich die Landschaft plötzlich schlagartig. Kurz hinter der „Stadt“ ragen kilometerweit schwarze Baumgerippe in den Himmel – die Überreste gewaltiger Waldbrände.

Die Region zwischen Jade City, Good Hope Lake, Cassiar und der Yukon-Grenze wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von großen Waldbränden getroffen. Besonders die extremen Brandsaisons 2017, 2018, 2023 und 2024 haben weite Teile Nord-British-Columbias verändert. Allein 2023 brannten in British Columbia mehr als 2,8 Millionen Hektar Wald – ein historischer Rekord.

Mit solchen Zahlen kann ich zunächst wenig anfangen. Mir fehlt die greifbare Dimension. Also versuche ich, mir das etwas besser vorzustellen.

2,8 Millionen Hektar entsprechen rund 28.000 Quadratkilometern. Das ist fast die Fläche von Belgien. Würde man ein Rechteck von 200 Kilometern Länge und 140 Kilometern Breite zeichnen, hätte dieses ungefähr die gleiche Fläche. Bei einer Reisegeschwindigkeit von 100 km/h würde man etwa zwei Stunden benötigen, um die Länge dieses Gebietes zu abzufahren, und weitere anderthalb Stunden für die Breite.

Oder anders gesagt: Das ist crazy und für mich einfach unfassbar groß.

Natürlich wissen wir, dass Feuer zum natürlichen Kreislauf der borealen Wälder gehören. Zwischen den verkohlten Baumstämmen wächst bereits neues Leben, und die Wildnis beginnt langsam, sich ihr Reich zurückzuerobern. Trotzdem hinterlässt die Fahrt durch diese riesigen Brandflächen bei uns ein bedrückendes Gefühl. Es macht uns wenig Freude, durch eine Landschaft zu fahren, die auf den ersten Blick so zerstört wirkt.

Willkommen im Yukon

Umso größer ist die Erleichterung, als sich die Landschaft plötzlich öffnet. Fast wären wir ich erneut an einer „Attraktion“ vorbeigefahren.

Ein unscheinbares Stück Holz am Straßenrand – und doch einer dieser Orte, an denen man unweigerlich anhält, das Yukon-Grenzschild.

Natürlich machen auch wir hier unser Pflichtfoto. Für uns endet hier faktisch die Cassiar-Etappe mit seinen endlosen Wäldern und einsamen Seen. Vor uns warten der Yukon mit seinem Klondike und Geschichten über Gold, Aufbruch, Hoffnung und Abenteurer aber auch der Dempster Highway und das Polarmeer – und damit neue Geschichten aus dem hohen Norden.

Wie es weitergeht, erfahrt ihr in den nächsten Artikeln.

Pflichtfoto Yukon-Grenzschild