Vancouver Island ist weit mehr als nur eine Insel vor der Küste von British Columbia. Mit einer Länge von rund 460 Kilometern und einer Fläche von über 31.000 Quadratkilometern ist sie die größte Insel an der Pazifikküste Nordamerikas. Auf beeindruckende Weise soll sie raue Wildnis, uralte Regenwälder, schneebedeckte Berge und kilometerlange Strände am Pazifik vereinen.
Besonders faszinierend wird die Vielfalt der Landschaften beschrieben. Während an der Westküste die gewaltigen Wellen des Pazifiks auf felsige Küsten treffen und uralte Regenwälder vielerorts bis direkt ans Meer reichen, soll sich die Ostküste deutlich milder und sonniger zeigen. Hier befinden sich auch die größeren Städte und Gemeinden wie Nanaimo, Courtenay und Campbell River.
Vancouver Island soll jedoch nicht nur ein Naturparadies sein, sondern ist auch die Heimat zahlreicher First Nations – der indigenen Völker Kanadas. Die Kulturen der Kwakwaka’wakw, Nuu-chah-nulth und Coast Salish sind seit Jahrtausenden eng mit dem Land und dem Meer verbunden. Noch heute zeugen zahlreiche Orte, Kunstwerke und beeindruckende Totempfähle von ihrer reichen Geschichte und ihren Traditionen.
Für uns ist Vancouver Island vor allem wegen seiner einzigartigen Natur und Tierwelt ein Traumziel. Die Insel zählt zu den besten Orten Kanadas, um Orcas, Buckelwale, Grauwale, Schwarzbären, Seeotter, Weißkopfseeadler und Seelöwen in freier Wildbahn zu beobachten.
So stellen wir uns Kanadas Westküste vor: wild, authentisch und voller unvergesslicher Eindrücke.
Wir sind gespannt, welche Geschichten, Begegnungen und Abenteuer Vancouver Island für uns bereithält.
Vancouver Island – Wo die Zeit etwas langsamer tickt
Schon während der Überfahrt mit der Fähre haben wir das Gefühl, dass die Uhren hier etwas langsamer ticken. Die letzten Vorbereitungen sind erledigt und wir stehen am Fährterminal Tsawwassen südlich von Vancouver. Bereits von Deutschland aus hatten wir unsere Überfahrt nach Swartz Bay auf Vancouver Island gebucht.
Von Vancouver aus gibt es mehrere direkte und indirekte Fährverbindungen nach Vancouver Island. Die südlichste Route lag unserem Campingplatz in Fort Langley am nächsten und erschien uns daher als die beste Wahl.
Das Einchecken verläuft, wie inzwischen gewohnt, freundlich, kompetent und unkompliziert. Überhaupt begegnet uns der Servicegedanke in Kanada auf Schritt und Tritt. Das sind wir aus Deutschland mittlerweile kaum noch gewohnt. Ob es daran liegt, dass auf nahezu jede Dienstleistung nicht nur Steuern, sondern häufig auch ein Trinkgeld erwartet wird? Wenn das tatsächlich der Grund ist, scheint hier das Motto zu gelten: Wer Geld hat, kann sich Service leisten. Wer keines hat, fällt schnell durchs Raster. Oder sind die Kanadier einfach von Natur aus so hilfsbereit und freundlich? Das werden wir auf unserer Reise sicherlich noch herausfinden.


Nach einer grandiosen Fährfahrt steigt unsere Vorfreude auf die Natur und die Tierwelt von Vancouver Island noch einmal deutlich an. Am Abend erreichen wir unseren ersten Campingplatz auf der Insel: den Living Forest Oceanside Campground bei Nanaimo.
Auch hier erwarten uns großzügige Stellplätze mit kompletter Ver- und Entsorgung, inklusive Stadtwasseranschluss. Dazu kommt ein traumhafter Blick auf das Meer und sogar ein fertig angelegter Lagerfeuerplatz. Nur das Feuerholz müssen wir noch selbst besorgen. Wir bleiben zwei Nächte und unternehmen einige kürzere Wanderungen auf dem Living Forest Trail, der direkt am Campingplatz beginnt.
Auf dem Weg zur wilden Westküste
Doch schon bald zieht es uns weiter. Unser Ziel ist die Westküste der Insel – Ucluelet und Tofino. Dort möchten wir Wale beobachten und den ursprünglichen Regenwald entdecken, der einen faszinierenden Kontrast zu den stark forstwirtschaftlich genutzten Teilen der Insel bildet.
Unterwegs legen wir einen Stopp im Little Qualicum Falls Provincial Park ein. Ein perfekter Ort, um sich die Beine zu vertreten und sich von den Strapazen der Fahrt zu erholen. Hier erwarten uns beeindruckende Wasserfälle und ein Fluss mit smaragdgrünem bis türkisfarbenem Wasser. Ein wahrer Traum – auch wenn Baden leider nicht erlaubt ist.

Ein weiterer lohnender Zwischenstopp ist der MacMillan Provincial Park. Ein etwa 2,7 Kilometer langer Rundweg führt durch den berühmten Cathedral Grove mit seinen uralten, dicht bemoosten Baumriesen. Das Highlight ist der „Big Tree“, eine gewaltige Douglasie. Sie ist rund 76 Meter hoch, hat einen Umfang von etwa neun Metern und soll mehr als 800 Jahre alt sein.


Damit überragt sie den Schiefen Turm von Pisa um etwa 20 Meter. Als dieser Baum bereits mehrere Jahrhunderte alt war, hatte noch kein Europäer den nordamerikanischen Kontinent betreten. Bei solchen Dimensionen und Zeiträumen kann ich nur ehrfürchtig danebenstehen und versuchen zu begreifen, was dieser Baum wohl alles erlebt und überstanden hat. Verglichen mit seinem Alter erscheint mein eigenes Menschenleben verschwindend kurz.
Basislager Tofino und Walbeobachtung mit gemischten Gefühlen
Ucluelet präsentiert sich uns überraschend klein. Die Straßen sind schmal und bieten unserem Truck Camper nur wenige Parkmöglichkeiten. Deshalb fahren wir direkt weiter in Richtung Tofino und suchen uns dort einen Campingplatz als Basis für unsere nächsten Abenteuer.
Der Crystal Cove Beach Resort & Campground erweist sich als idealer Ausgangspunkt. Von hier aus starten wir eines der Highlights unseres Aufenthalts: eine Bootstour zur Walbeobachtung.
Wie schon in den vergangenen Tagen begleitet uns traumhaftes Wetter. Bei Temperaturen von über 25 Grad steigen wir in ein Aluminiumboot und machen uns auf den Weg zur Wal-Expedition.
Und dann die Überraschung: Wir werden tatsächlich etwas enttäuscht. Da wir noch vor der Hauptsaison unterwegs sind, bekommen wir lediglich einige weit entfernte Rücken von Grau- und Buckelwalen zu Gesicht. Dafür entschädigen uns Seeotter, Seehunde und zahlreiche Seevögel.

Nach drei Stunden auf dem Wasser, rund 600 kanadischen Dollar ärmer, einem Abendessen in Tofino sowie einem ordentlichen Sonnenbrand und leichtem Sonnenstich endet der Tag. Wenigstens brauchen wir in dieser Nacht keine Heizung – wir haben genügend Wärme gespeichert.

