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WDAE – Dempster Highway: Der letzte Asphalt


Nach einem letzten Frühstück in Dawson füllen wir Wasser und Lebensmittel auf. Damit lassen wir Dawson, das legendäre Goldgräberstädtchen, hinter uns und gönnen unserem Pickup kurz hinter dem Ortsausgang noch den vermutlich teuersten Diesel der gesamten Reise. Rund 2,47 CAD pro Liter tun zwar kurz weh, vermutlich werden wir rückblickend aber sogar froh über diesen Preis sein.

Diesel für 2,67CAD/L, ob der wohl noch teurer wird?

Rund vierzig Kilometer östlich von erreichen wir dann den unscheinbaren Abzweig des Dempster Highways. Natürlich halten wir für das obligatorische Foto an und lesen uns auf den Hinweisschildern ein.

Sofort muss ich an meine Fahrt über die Great Central Road in Australien denken. Damals war ich allein, mitten im australischen Hochsommer – also zu einer Jahreszeit, in der kaum jemand diese Strecke befährt – mit meiner Reiseenduro auf einer über 1.000 Kilometer langen, mir völlig unbekannten Outbackpiste unterwegs. Auch dort durfte nichts schiefgehen. Mensch und Maschine mussten durchhalten, denn jeder Fehler konnte im schlimmsten Fall tödlich enden.

Was sich zunächst dramatisch anhört, ist in abgelegenen Regionen leider Realität. Auf dem Dempster Highway ist die Situation glücklicherweise etwas entspannter. Wir reisen in der Hauptsaison, sodass deutlich mehr Fahrzeuge unterwegs sind. Außerdem liegen die Versorgungsstationen wesentlich näher beieinander als damals in Australien. Hinzu kommt, dass wir heute mit einem robusten Pickup und einer voll ausgestatteten Pickup-Kabine unterwegs sind. Wir haben Kraftstoff für rund 900 Kilometer sowie ausreichend Wasser und Lebensmittel an Bord. Das war mit dem Motorrad auf der Great Central Road eine ganz andere Nummer. Dennoch gilt auch hier: Solche Etappen sollte man niemals unterschätzen. Eine gute Vorbereitung von Mensch und Material kann schließlich nie schaden.

Die Informationstafeln zeigen eindrucksvoll, dass hinter den direkt vor uns liegenden Ogilvie Mountains die arktische Tundra beginnt – geprägt von Permafrost, eisigen Winden und erstaunlich widerstandsfähigen Pflanzen. Gleichzeitig führt der Highway durch das Wandergebiet der berühmten Porcupine-Karibuherde mit mehr als 150.000 Tieren. Die südlichen Berge wurden während der letzten Eiszeit von Gletschern geformt, während die weiter nördlich gelegenen Richardson Mountains überwiegend durch Frost und Eis modelliert wurden.

Dempster Highway – Roadhouse mit Car – Wash

Die Infotafel am Start des Dempster Highway

 

Jetzt gibt es kein zurück mehr

Ein obligatorisches Foto und einige Hinweisschilder später überqueren wir nun über einer Holzbrücke den Klondike River. Kurz danach endet der Asphalt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Unsere Strassenreifen rollen erstmals über den Schotter der einzigen öffentlichen Straße Kanadas, die den Polarkreis überquert.

Es gibt kein zurück mehr. Die Entscheidung ist getroffen.

Die ersten Kilometer fühlen sich ungewohnt an. Steine schlagen gegen den Unterboden, hinter uns steigt eine feine Staubwolke auf. Den Kraftstoffverbrauch habe ich bis hierher fast schon zwanghaft im Blick behalten. Auf dem Dempster ändern sich aber die Spielregeln. Sicherheit geht vor Wirtschaftlichkeit. Deshalb schalte ich von 2D auf 4D-Allrad. So fahren wir mit etwa 70 bis 90 km/h von einer Bodenwelle zur nächsten und plötzlich wird aus der Holperpiste fast eine ruhige Straße – wenn da nicht immer wieder tiefe Schlaglöcher wären. Trotzdem stellt sich, trotz der Strassenreifen, schnell Gelassenheit ein. Wir wählen bewusst eine Geschwindigkeit, bei der der Camper förmlich über die Wellblechpiste gleitet. Natürlich verliert man dadurch stellenweise etwas Traktion und der Bodenkontakt der Räder wird geringer. Gleichzeitig kehrt jedoch deutlich mehr Ruhe ins Fahrzeug ein, wodurch nicht nur das Material, sondern auch wir selbst geschont werden. Da wir heute – okay, wie eigentlich an fast jedem Tag unserer bisherigen Reise – relativ spät gestartet sind, lassen wir alles entspannt auf uns zukommen und hoffen, kurz hinter dem Tombstone Territorial Park noch einen schönen Stellplatz für die Nacht zu finden.

 

Eine Landschaft, die sprachlos macht

Mit jedem Höhenmeter verändert sich die Landschaft. Dichte Nadelwälder weichen einer offenen Bergwelt. Schneefelder liegen selbst Ende Juni noch in den Senken, während die Gipfel des Tombstone Territorial Parks in der Sonne leuchten. Grauer Fels, weißer Schnee, blau schimmerndes Eis und das satte Grün der Tundra ergeben eine Kulisse, die beinahe unwirklich wirkt. Wieder stehen wir sprachlos vor einer Weite, die sich weder mit Fotos noch mit Videos wirklich einfangen lässt.

North Fork Pass

North Fork Pass

Am North Fork Pass genießen wir einen der schönsten Ausblicke unserer bisherigen Reise.

Damit sind wir zwar noch nicht am höchsten Pass der Strecke sondern wir befinden uns an einer der eindrucksvollsten Landschaften des Yukon. Schroffe, gezackte Gipfel, weite Tundren und selbst im Sommer schneebedeckte Berghänge prägen das Bild. Seinen Namen verdankt der Park dem markanten Tombstone Mountain, dessen Silhouette an einen Grabstein erinnern soll. Ich muss ehrlich zugeben: Ich erkenne da keinen Grabstein. Andererseits habe ich den Mann im Mond auch noch nie gesehen. Also wird das wohl schon stimmen.

Tombstone Bergkette
Tombstone (Grabstein) Park

Die Region wird gemeinsam von der Regierung des Yukon und der Tr’ondëk Hwëch’in First Nation verwaltet und bietet Grizzlys, Dall-Schafen, Karibus, Elchen und Wölfen einen geschützten Lebensraum.

Wellblechpiste im Tombstone Park

Ich geniesse jeden Augenblick und kann unser Glück nicht fassen – was haben wir für ein Glück durch diese Landschaft reisen zu dürfen. Wir verlassen diese beeindruckende Bergwelt und halten kurz hinter dem Nationalpark nach einem geeigneten Übernachtungsplatz Ausschau.

 

Staub, Burger und Bärenwache

Kurz hinter dem Park entdecken wir dann schließlich ein trockenes Flussbett als perfekten Übernachtungsplatz. Absolute Ruhe und Einsamkeit.

Was für ein Stellplatz

Fahrzeug ausrichten

Also, Camper positionieren, Motor aus und erstmal in der Kabine nach dem rechten sehen. Beim Betreten der Kabine folgt allerdings die erste Überraschung: Im Eingangsbereich, auf Möbeln und sogar auf den Polstern liegt bereits eine feine Staubschicht. Offenbar ist unser Camper deutlich weniger dicht als gedacht. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir allerdings noch nicht, dass uns dieses Thema auf dem gesamten Dempster Highway begleiten wird.

Das Problem wird erst einmal großzügig von mir ignoriert. Der Mann hat schließlich Hunger! Also wird der Grill aufgebaut und erstmal ordentlich Burger gegrillt. Nun – das löst bei JD leichte Panik aus. Kurzerhand wird beschlossen, dass ich beim Grillen einen persönlichen Wachposten benötige, der den Blick ununterbrochen über die Büsche schweifen lässt und nach Bären Ausschau hält. Während dieser Auftrag mit strammer Disziplin erfüllt wird, werde ich statt von einem Bären gefressen zu werden, zum Lieblingsbuffet unzähliger Mücken. Nach wenigen Minuten komme ich zu einer wissenschaftlich fundierten Erkenntnis: Die Wahrscheinlichkeit, heute von Mücken gefressen zu werden, ist deutlich größer als einer Begegnung mit einem Grizzly. Aber was zählt schon die Meinung eines kleinen Soldaten?

Also: strammstehen und weitergrillen.

Barbie (BBQ) with a View

Der Burger schmeckt hervorragend. Während die Sonne langsam tiefer steht, beobachten uns einige neugierige Arctic Ground Squirrels aus sicherer Entfernung. Statt einer dramatischen Bärenbegegnung verabschieden uns kleine Erdhörnchen in unsere erste Nacht auf dem Dempster Highway. Als wir später in der Kabine liegen, ist es draußen vollkommen still. Wenn jeder weitere Tag auch nur halb so beeindruckend wird wie dieser, wartet eine der schönsten Reisen unseres Lebens auf uns.

Arctic Ground Squirrel