Tagesarchiv: 27. August 2026

WDAE – Dawson City (Teil 2/2)


Tag 3 – Reifenwechsel bei Chief Isaac

Wie ihr wisst ist unser F-350 mit klassischen Straßenreifen ausgestattet. Und je länger wir im Norden fahren, desto weniger verstehe ich diese Konfiguration. Schotter, Sharp Gravel, lange Baustellenabschnitte, Dempster, Alaska, Yukon, NWT – genau für so eine Reise hätte ich bei einem schweren Truck eher eine robuste All-Terrain-Bereifung erwartet, also genau solche wie wir bei Fahrzeugen der Whitehorse Flotte gesehen haben.

Dieses ließen mir schließlich keine Ruhe. So habe ich noch von Tuk, CanaDream direkt angeschrieben und um die Beantwortung folgender Fragen gebeten:

  • Empfiehlt CanaDream die montierten Straßenreifen für den vorgesehenen Einsatz im Yukon, Northwest Territories und Alaska?

Und schließlich natürlich die für uns ganz praktische Frage:

  • Gibt es irgendeine Möglichkeit der Unterstützung – etwa einen Reifenwechsel oder eine andere sinnvolle Lösung – für den weiteren Verlauf unserer Reise?

Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt ging es für mich nicht mehr darum, ob mir persönlich ein anderer Reifen besser gefallen hätte. Vielmehr stellte sich die Frage, ob die montierte Bereifung tatsächlich zu den Strecken passte, für die dieses Fahrzeug vermietet und genutzt werden sollte – und warum vergleichbare Camper an anderen Stationen offenbar anders ausgestattet waren.

Aufgrund unserer Erfahrungen unterwegs und einiger durchaus kritischer Situationen hatte ich meine persönliche Antwort darauf längst gefunden: Nein, eine reine Straßenbereifung ist für einen solchen Truck Camper in den Territorien aus meiner Sicht nicht die richtige Wahl. Warum unser Fahrzeug dennoch damit ausgestattet war, lässt sich für mich zumindest teilweise erklären. Viele Touristen, die in Vancouver starten, werden vermutlich nicht weit in den Norden fahren. Ihre Reise konzentriert sich eher auf Vancouver Island, die Rockies und vielleicht noch Teile Albertas. Viel mehr lässt sich in den üblichen drei bis vier Wochen Mietdauer ohnehin kaum sinnvoll unterbringen. Auf diesen klassischen Routen bewegt man sich größtenteils auf gut ausgebauten und asphaltierten Straßen. Wer dagegen Richtung Yukon, Northwest Territories oder Alaska fährt, verlässt irgendwann zwangsläufig den Asphalt – und spätestens dort ändern sich die Anforderungen an Reifen und Fahrzeug deutlich.

Keine zwei Tage später kommt die Nachricht:

Wir können in Dawson neue Reifen bekommen. Canadream organisiert den kostenfreien Austausch der Reifen.

Krass, ich bin Sprachlos!

Ganz ehrlich – damit hätte ich nicht gerechnet. Man kann sich über Dinge ärgern, aber man muss guten Service genauso klar benennen. Hier reagiert Canadream schnell, unkompliziert und lösungsorientiert. Genau so wünscht man sich das unterwegs. Daumen hoch – damit hätten wir nicht gerechnet. Schließlich sind unsere Strassenreifen erst etwa 7000km genutzt worden.

Chief Isaac – ein Name, der in Dawson viel größer ist als eine Werkstatt

Canadream hat also für uns einen Termin bei Chief Isaac in Dawson ausgemacht. Also fahren wir zum vereinbarten Termin zu der Chief Isaac Group of Companies direkt in Dawson und nicht weit von unserem Campingplatz entfernt. Da sind wir aber Falsch. Die Reifen gibt es bei Chief Isaac Mechanical draußen am Stadtrand in der Callison Subdivision. Also wieder rein in den Truck und weiter zu der Werkstadt.

Chief Isaac GRoup of Companies in Dawson

Auf der Fahrt dorthin beginnen wir, uns über den Firmennamen zu wundern. „Was ist mit Chief eigentlich gemeint? Und warum gibt es in Dawson so viele Firmen, die Chief Isaac heißen und dahinter irgendeine Spezialisierung tragen?“, frage ich JD.

Ein Schulterzucken ist die Antwort – und verrät mir ziemlich eindeutig, dass wir hier wohl mal wieder recherchieren müssen.

Später erfahre ich, dass Chief Isaac während des Klondike-Goldrauschs zu den wichtigsten Führungsfiguren der Hän beziehungsweise der heutigen Tr’ondëk Hwëch’in gehörte. „Chief“ bedeutet hier nicht einfach „Chef“, sondern bezeichnet einen traditionellen Anführer der First Nation – also jemanden, der Verantwortung für die Gemeinschaft trug, sie nach außen vertrat und in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen wichtige Entscheidungen mitprägte.

Als innerhalb kürzester Zeit Tausende Fremde in ihr traditionelles Gebiet kamen und Tr’ochëk an der Mündung des Klondike überrannt wurde, erkannte er offenbar sehr früh, dass sich diese Entwicklung nicht einfach zurückdrehen ließ.

Das bedeutet nicht, dass er den Verlust von Land, Wildbeständen und Lebensgrundlagen akzeptierte. Im Gegenteil: Er sprach später sehr deutlich darüber, dass die Neuankömmlinge Gold und Ressourcen aus einem Gebiet holten, das seit Generationen seinem Volk gehörte. Aber gleichzeitig versuchte er, seine Gemeinschaft durch eine Veränderung zu führen, die längst zu groß geworden war, um sie mit einfachen Mitteln aufzuhalten.

Die Tr’ondëk Hwëch’in zogen nach Moosehide, einige Kilometer flussabwärts. Besonders beeindruckend finde ich eine andere Entscheidung: Chief Isaac befürchtete, dass durch den massiven kulturellen Druck auch Lieder, Tänze und Wissen verloren gehen könnten. Deshalb gab er Teile dieser Traditionen Verwandten und anderen Hän in Alaska zur Verwahrung. Jahrzehnte später konnten Lieder und Tänze wieder in die Gemeinschaft zurückkehren.

Sein Verhalten ist eine Form von Weitsicht, die mich sehr berührt. Nicht naiv glauben, man könne eine unvermeidbare Veränderung einfach verhindern. Aber auch nicht alles hinnehmen und preisgeben. Bewahren, was bewahrt werden kann. Menschen schützen und auf Veränderungen vorbereiten. Identität sichern. Gleichzeitig mit einer neuen Realität umgehen.

Manchmal wünsche ich mir, das viel mehr politische und gesellschaftliche Führung so weit nach vorne denken würde. Vielleicht gäbe es dann weniger Konflikte, weniger Kriege und weniger Situationen, in denen alle nur noch versuchen zu gewinnen, obwohl längst klar ist, dass am Ende alle verlieren.

Heute trägt die Chief Isaac Group of Companies seinen Namen. Sie wurde gegründet, um wirtschaftliche Interessen der Tr’ondëk Hwëch’in zu bündeln und gehört über den Trust letztlich den Bürgerinnen und Bürgern der First Nation. Und wir stehen ausgerechnet hier, weil unser Fahrzeug neue Reifen bekommt. Was für ein schöner Zufall ohne die Reifen hätten wir diese Geschichte wahrscheinlich verpasst. Manchmal gibt es schon ziemlich nette Verbindungen.

Aber wieder zurück zum Reifenwechsel.

So kommen wir etwas verspätet bei Chief Isaac Mechanical an und geben den Truck Camper für den Reifenwechsel direkt beim Chef ab.

„How long will the tire change take, roughly? – also „Wie lange dauert der Reifentausch ungefähr? frage ich. Er überlegt kurz und antwortet „Maybe three hours.“

Drei Stunden – denke ich und schaue mich um. Firmenhof. Einige Fahrzeuge in sehr unterschiedlichem Zustand. Viel Platz. Wenig Infrastruktur. Vor allem aber nichts, was nach Café, Wartebereich oder sonstiger Beschäftigung zur Überbrückung der Wartezeit aussieht.

Also frage ich: „“Is there somewhere nearby where we can wait and maybe have a coffee?“ Er überlegt kurz und meint, es gebe da ein Restaurant, da können wir warten und bekommen sicherlich auch einen Kaffee. Und dann passiert wieder so etwas, das wir hier oben inzwischen häufiger erleben: Er bietet uns kurzerhand an uns persönlich dahin zu fahren. Was für ein Service. Wir bedanken uns, halten smaltalk, er fährt wieder zurück und wir stehen vor dem Gebäude.

Nur um festzustellen: Das ist gar kein normales Restaurant. Das ist die Mitarbeiterkantine der – Überraschung – Chief Isaac Group.

Und die hat gerade geschlossen.

Mega läuft ja gerade wirklich gut.

Doch was sollen wir nun machen – wir sind nunmal da. Also gehe ich zur Kantine und kann durch das Glas der Eingangstüre Licht sowie zwei Personen erkennen. Sie unterhalten sich angeregt und gestikulieren wild hin und her. Mangels sinnvoller Alternativen ziehe ich beherzt an der Eingangstüre und stehe plötzlich mitten im Speiseraum. Zwei Augenpaare schauen uns an. Offenbar hatte dort niemand mit zwei Touristen gerechnet, die spontan ausserhalb der Öffnungszeiten einmarschieren und vermutlich aussehen, als hätten sie soeben beschlossen, hier vorübergehend Asyl zu beantragen. Ich nutze die kurze Phase der allgemeinen Verwirrung, gehe nach vorne und erkläre unsere Situation: Auto in der Werkstatt, drei Stunden Wartezeit, keine Ahnung wohin, hier abgesetzt. Und dann passiert wieder etwas, das sich für uns immer noch zu gut um wahr zu sein anfühlt. Etwas das wir in Deutschland arg vermissen.

Keine genervten Gesichter. Kein „Out. We’re closed. Can’t you read the sign?“ – also kein „Raus hier. Wir haben geschlossen. Könnt ihr das Schild nicht lesen?“. Kein Hinweis auf irgendwelche Vorschriften und keine Rüge wegen vermeintlichen Fehlverhaltens.

Stattdessen schauen wir in vollkommen offene und freundliche Gesichter.

Ein Mann, stellt sich als Manager der Kantinen der Chief Isaac Group vor. Er fragt, woher wir kommen, wo wir bereits gewesen sind und was wir uns bisher angesehen haben.

Dann sagt er ganz selbstverständlich:

„Setzt euch. Es gibt noch heißen Kaffee und Sandwiches. Bedient euch einfach.“

Fast entschuldigend fügt er hinzu, dass es heute eventuell etwas lauter werden könne. Die Küche bereite gerade das Mittagessen für Arbeiter und Feuerwehrleute vor.

Wir setzen uns, nehmen dankbar einen Kaffee und freuen uns über diese völlig unkomplizierte Gastfreundschaft.

Gleichzeitig fange ich an nachzudenken. Wie hätte ich in so einer Situation reagiert? Ich bin auf der Arbeit, eigentlich geschlossen, plötzlich stehen zwei völlig fremde Menschen im Raum und fragen nach Hilfe. Ich glaube schon, dass ich versucht hätte, irgendeine Lösung zu finden. Aber wäre ich von der ersten Sekunde an so offen, entspannt und freundlich gewesen? Vielleicht früher einmal. Zu Zeiten, in denen der Alltag noch etwas weniger vollgestopft war. Heute? Da bin ich mir nicht ganz so sicher.

Und genau deshalb sind solche Begegnungen für mich inzwischen ein wichtiger Bestandteil dieser Reise. Manchmal hält einem jemand völlig unbeabsichtigt einen positiven Spiegel vor. Vorausgesetzt, man ist bereit hineinzusehen, kann man dabei eine Menge über sich selbst lernen. Vielleicht ist genau das auch ein Sinn dieser Auszeit: etwas von der alten Gelassenheit wiederzufinden und sicher selber zu reflektieren.

Die Mitarbeiterkantine von Chief Isaac in der Callison Subdivision

Wir sitzen nun bereits eine Weile in der Kantine, trinken Kaffee und genießen diesen unerwartet komfortablen Warteplatz. Irgendwann fällt JD die große Papierstüte die auf unserem Tisch steht auf. Sie spricht den Manager an: „Da hat vermutlich jemand sein Mittagessen vergessen. Vielleicht solltet ihr das wegstellen, falls er wiederkommt.“

Er schaut uns etwas überrascht an. „Oh, no. That’s for the guys from Crew 7.

Von Trupp 7? Dann erklärt er uns, dass sie aktuell rund 50 Feuerwehrleute unterbringen, die in der Region um Dawson und am Dempster Highway gegen die Wildfires kämpfen. Und plötzlich ist das Unwetter und das Feuer, das wir zuvor am Dempster gesehen haben, wieder ganz unmittelbar vor unseren Augen. Er erzählt uns von den Firefightern. Viele seien sehr jung. Nach ihren Einsätzen kämen sie teilweise völlig verdreckt, verrußt und durchgeschwitzt zum Essen. Dann lacht er und meint sinngemäß: Wenn sie nichts zu essen bekämen, wäre wenigstens weniger an ihnen dran – und damit wären sie vielleicht auch weniger attraktiv für Elvis, der hier seit zwei Tagen über das Gelände streift. Wir lachen kurz. Dann schauen wir uns an und fragen „Elvis? Who’s Elvis?“ – „Elvis? Wer ist Elvis?“ etwas irritiert. Er lacht und antwortet mit einem Zwinkern. „Well, our black bear. That’s what we call him. He’s been hanging around the cafeteria and the businesses here for the past few days.“ – „Na, unser Schwarzbär. So haben wir ihn genannt. Der streunt hier seit ein paar Tagen rund um die Kantine und die Firmen herum.“

Okay … und dann denken wir darüber nach was wir gerade im Nebensatz erfahren haben. Ein Schwarzbär? Hier? Wir hatten eigentlich vor, nach dem Kaffee zu Fuß zurück zur Werkstatt zu gehen. Aber wir haben neben unserem Bärenspray, unser Notfallsirene, Pfeife und jegliche sonstige Form von Verteidigung auch unseren Mut, mit dem Camper zurückgelassen.

JD und ich schauen uns an. Es ist einer dieser Blicke, bei denen kein einziges Wort nötig ist. Der Plan, zu Fuß zurückzugehen, ist damit kommentarlos vom Tisch. Wir haben uns binnen weniger Millisekunden entschieden – wir warten lieber auf den Werkstattleiter.

Der Manager bekommt von unserem gerade gefassten Entschluss nichts mit und erzählt weiter.

Good thing we have these guys.“ – Ohne die Feuerwehr-Leute könnten die Wildfires für Dawson schnell zu einem echten Problem werden. Vor einigen Jahren, erzählt er, sei die Stadt zeitweise nahezu abgeschnitten gewesen. Wegen des dichten Rauchs konnten Flugzeuge nicht landen, gleichzeitig waren Straßen wegen der Feuer nicht oder nur eingeschränkt befahrbar. Und plötzlich wurde es knapp mit Lebensmitteln. Da wird einem wieder bewusst, wie abgelegen diese Orte tatsächlich sind.

Auf der Karte sieht Dawson zwar wie eine ganz normale Kleinstadt irgendwo im Nordwesten Kanadas aus.

Ist es aber nicht.

Lebensmittel, Ersatzteile, Baumaterialien und praktisch alle Konsumgüter müssen über enorme Entfernungen herangeschafft werden. Eine Eisenbahn gibt es hier nicht, die reguläre Versorgung per Schiff gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Bleiben also nur der Transport über die Straße und mit dem Flugzeug. Wenn beides gleichzeitig ausfällt, wird aus einem logistischen ziemlich schnell ein sehr reales Problem.

Und wieder verstehen wir auch einige andere Dinge besser, die uns unterwegs immer wieder aufgefallen sind.

Vor manchen Häusern stehen alte Fahrzeuge, Maschinen, Metallteile und Dinge herum, die wir zu Hause wahrscheinlich längst als Müll entsorgt hätten. Hier oben kann das aber neben Verwahrlosung auch zusätzlich noch eine völlig andere Bedeutung haben. Der alte Pickup ohne Räder ist vielleicht kein Schrott. Vielleicht ist er das Ersatzteillager. Denn wenn das benötigte Teil erst einmal mehrere hundert Kilometer entfernt liegt, sieht ein scheinbar nutzloses Stück Metall aus dem schrottreifen Pickup plötzlich ganz anders aus.

Man lernt hier oben offenbar recht schnell, nichts vorschnell wegzuwerfen. Und wir – nicht vorschnell zu urteilen.  Nach ungefähr drei Stunden geht schließlich die Aussentüre der Kantine auf. Der Werkstattleiter steht da. Unser Fahrzeug ist fertig.

Und während wir aufstehen, denke ich, dass wir eigentlich nur auf den Reifenwechsel warten wollten. Stattdessen haben wir Kaffee bekommen, etwas über Feuerwehrleute gelernt, über Schwarzbären nachgedacht, unser Verhältnis zu Gastfreundschaft hinterfragt und nebenbei noch ein kleines Stück mehr verstanden, wie das Leben in Dawson und im Yukon funktioniert.

Manchmal sind drei Stunden Wartezeit eben doch ganz gut investierte Zeit. Ohne die Sache mit den Reifenwechsel wäre diese Situation so nie entstanden.

Unsere neuen AT-Reifen

 

Tag 4 – Goldrausch in Alaska, Monica Beets, die Dredge No. 4 und der Midnight Dome

Und dann sind da natürlich die Orte und die Akteure aus „Goldrausch in Alaska“

Wer die Serie kennt, erkennt in Dawson immer wieder etwas. Das Palace Grand Theatre zum Beispiel. Dort fand die Hochzeitsfeier von Monica Beets statt. Am Yukon liegt die Jasmine B, die Barge der Beets, die Material und Ausrüstung transportierte und deren Name eine tiefgreifende Bedeutung für die Beets-Familie hat. Auch andere Ecken der Stadt tauchen in einzelnen Folgen auf. Und draußen im Goldfeld um Paradise Hill, Scribener Creek und Bonanza Creek beginnt sowieso das große Wiedererkennen. Die Klondike Visitors Association sagt selbst ziemlich offen: Mit etwas Glück begegnet man Parker Schnabel, Rick Ness, Tony Beets oder den Mitgliedern der entsprechenden Crews sowie der Goldrausch-Filmcrew einfach beim Essen, beim Einkaufen oder irgendwo in der Stadt. Parker und die Beets-Crew arbeiten seit Jahren in den Goldfeldern rund um Dawson; Rick Ness verlagerte seine Operation in die Berge bei Keno City. Das alles sind keine Filmkulissen. Das sind ihre Arbeitsregionen.

Die Hauptakteure aus Goldrausch in Alaska
v.l.n.r. Parker Schnabel, Rick Ness, Tony Beets
Bildquelle: Dawson City / Klondike Visitors Association – dawsoncity.ca

Und trotzdem gibt es für mich eigentlich nur eine Person aus der Serie, bei der ich mich wirklich über eine Begegnung freuen würde: Monica Beets, die Tochter von Tony und Minnie Beets.

Warum ausgerechnet Monica? Nicht, weil sie die lauteste oder prominenteste Person der Serie wäre. Eher im Gegenteil – sie spielt eine Randfigur. Tony Beets kann einen Raum vermutlich schon mit einem einzigen seiner berühmten Flüche füllen. Er erscheint auf mich patriarchalisch, kompromisslos durch Erfahrung und seine Familiären Strukturen. Parker ist Parker – ehrgeizig, analytisch, leistungsorientierter und stärker auf Effizienz und Skalierung konzentriert. Rick Ness erscheint mir wie ein echter Team Leader – frei nach dem Motto „wir schaffen das zusammen“, loyal, hartnäckig, impulsiv und suchend. Monica wirkt auf mich anders.

Sie ist eine Frau in einem bis heute deutlich männerdominierten Geschäft und hat sich dort nicht einfach als TV-Figur, sondern als professionelle Maschinenführerin und Verantwortliche entwickelt. Besonders deutlich wird das in einem ausführlichen Interview, das Monica Beets 2021 mit Canada Action geführt hat. Darin spricht sie nicht nur über ihre eigene Laufbahn, sondern auch über ihre Erfahrungen als Frau im Mining, über Verantwortung, Umweltauflagen, Rekultivierung und die Bedeutung der Rohstoffindustrie für den Yukon.

Monica begann bereits mit zwölf Jahren auf den Maschinen. Im selben Interview wird beschrieben, dass sie mit 16 bereits einen kompletten Mining-Prozess beaufsichtigte und mit 18 Supervisor am Paradise-Hill-Claim war. Sie selbst erzählt dort sehr offen davon, dass man sich als Frau in dieser männerdominierten Branche trotz aller Erfahrung immer wieder beweisen müsse – und immer wieder erklären müsse, warum man etwas könne oder warum man bestimmte Entscheidungen genau so treffe.

In der Saison 2016/17 stellte sie sogar eine reine Frauen-Crew zusammen und übernahm ihre eigene Mining-Operation. Die Serie spielte später immer wieder mit der Idee, dass Monica einen eigenen Bereich beziehungsweise einen eigenen Claim führte. Dabei muss man jedoch ein bisschen zwischen Fernsehen und tatsächlichen Besitzverhältnissen unterscheiden: Was in Gold Rush als „Monica’s claim“, „Monica’s cut“ oder ihre eigene Operation bezeichnet wird, ist nicht automatisch ein vollständig unabhängiger, ihr persönlich gehörender Mining Claim. Aber die Richtung ist klar: eigene Verantwortung, eigene Entscheidungen und eine eigene Mannschaft.

Was ich außerdem an ihr mag, ist dieses unaufgeregte Selbstverständnis. Auch hier ist das Interview mit Canada Action interessant. Monica spricht dort sehr selbstverständlich über die Bedeutung von Mining und anderen Rohstoffindustrien für den Yukon, aber ebenso über Rekultivierung, Umweltauflagen, Arbeit und darüber, wie sehr Menschen in abgelegenen Regionen von funktionierenden Lieferketten, Landwirtschaft, Bau und Rohstoffen abhängig sind.

Und ich, ich mag Menschen, die ihre Arbeit verstehen, Zusammenhänge sehen und Entscheidungen nicht treffen, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass es der Sache und den Menschen darum herum dient.

Und dann ist da die Familie. Natürlich ist Minnie Beets für mich die zentrale Figur der Beets-Familie. Wenn Tony der Vulkan ist, wirkt Minnie oft wie die Person, die dafür sorgt, dass der Vulkan wenigstens ungefähr in die richtige Richtung ausbricht. Monica hat etwas Ähnliches. Sie hält dagegen, ohne permanent Theater daraus zu machen und wirkt trotzdem immer eng mit der Familie verbunden.

Parallel ist sie Mutter. Ihre Tochter Jasmine wurde 2021 geboren. Der Name bekommt in der Familiengeschichte eine sehr persönliche Bedeutung: Tony und Minnie hatten bereits eine Tochter namens Jasmine Belinda Beets, die im Dezember 1992 geboren wurde und im März 1993 als Säugling starb – rund acht Monate vor Monicas Geburt.

Ob Monica ihre eigene Tochter ausdrücklich nach ihrer verstorbenen Schwester benannt hat, wird häufig so erzählt, ist von Monica selbst meines Wissens jedoch nie öffentlich eindeutig bestätigt worden. Die Verbindung dieses Namens innerhalb der Familie ist dennoch kaum zu übersehen.

Hidden Champion – Monica Beets
Bildquelle: Dawson City / Klondike Visitors Associationdawsoncity.ca

Wer Goldrausch in Alaska nicht kennt, gern aber mal reinsehen möchte, der kann das bei bekannten Streaming Diensten machen oder hier kostenlose bei Join.

Von der Goldpfanne zur schwimmenden Goldfabrik

Goldpfanne, Schaufel, Pickel – das ist die romantische Vorstellung vom Klondike. Aber irgendwann reichte Muskelkraft nicht mehr aus. Die leicht erreichbaren, besonders reichen Vorkommen waren weitgehend vergeben oder ausgebeutet. Aus dem individuellen Goldrausch wurde industrielle Placer-Mining-Technik.

Dabei wird das Gold nicht aus festem Gestein gesprengt, sondern aus alten Flussablagerungen herausgewaschen. Vereinfacht gesagt: Man bewegt erst ziemlich viel Erde, um anschließend festzustellen, dass Gold zwar schwerer als alles sonstige Waschgut ist aber leider auch ausgesprochen klein ist.

Im Yukon war dabei lange der Permafrost das eigentliche Problem. Der gefrorene Boden musste zunächst schürffähig gemacht werden. Dafür wurden früher Rohre in den Boden getrieben und Dampf eingeleitet, später nutzte man auch kaltes Wasser, das über längere Zeit durch den Boden geleitet oder dieser direkt mit einem Wasserstrahl bearbeitet wurde. Klingt zunächst widersinnig, funktioniert aber: Auch kaltes Wasser ist deutlich wärmer als dauerhaft gefrorener Boden und taut diesen langsam und deutlich weniger kostenintensiv auf.

War der Kies endlich beweglich, kam Wasser und davon eine Menge, ins Spiel.

Daraus entstand dann das Sluicing, eine Methode des Goldwaschens, bei der goldhaltiger Kies mit kräftigen Wasserstrahlen gelöst und durch eine leicht geneigte Waschrinne, die sogenannte Sluice Box, gespült. In dieser Rinne sitzen meist Riffel, Gitter und Matten. Weil Gold viel schwerer ist als Sand und Kies, setzt es sich dort ab und bleibt hängen, während das leichtere Material mit dem Wasser weitergespült wird.

Im Prinzip ist das nix anderes als Goldwaschen mit der Pfanne – nur deutlich größer, lauter und mit wesentlich mehr Diesel.

Die konsequente Steigerung davon waren schließlich die großen Dredges wie die Dredge No. 4, die wir später noch besichtigen wollen. Diese schwimmenden Goldfabriken fraßen sich mit einer Kette aus riesigen Eimern durch den aufgetauten Kies, wuschen das Material direkt an Bord und warfen die ausgewaschenen Steine hinter sich wieder aus.

Am Grundprinzip hat sich allerdings erstaunlich wenig geändert: Boden auftauen, Kies bewegen, mit Wasser waschen und hoffen, dass am Ende mehr Gold als Kosten übrig bleibt. Klingt simpel. Ist es vermutlich auch – solange man nicht derjenige ist, der dafür Millionen Tonnen Kies und eine Menge Geld bewegen muss und am Ende die wirtschaftliche Verantwortung für sich selbst, seine Familie und die gesamte Crew trägt.

Dredges:

Dredges sind Goldwasch-Maschinen, die aussehen, als hätte jemand ein mehrstöckiges Fabrikgebäude auf einen hölzernen Schiffsrumpf gestellt.

Mehr als zwanzig solcher Schwimmbagger arbeiteten zeitweise in den Goldfeldern der Region. Ihr Prinzip ist ebenso brutal wie genial: Die Dredge schwimmt in einem „künstlichen angelegten Arbeitsbecken/ Teich“ . Vorne läuft eine endlose Kette aus riesigen Stahlkübeln über eine sogenannte digging ladder. Die Kübel reißen goldhaltigen Kies vom Grund und heben ihn in die Maschine. Dort landet das Material in einer großen rotierenden Siebtrommel. Dort löst Wasser, Lehm und feines Material. Alles Kleine fällt durch die Sieböffnungen und läuft über Sluice Tables mit Matten und Riffeln, in denen das schwere Gold hängen bleibt. Der grobe Kies wird hinten über einen langen Stacker wieder ausgeworfen.

Die Dredge arbeitet sich also durch das Tal, während sie ihren eigenen Teich gewissermaßen mitnimmt: vorne Boden fressen, hinten Kies ablegen, Teich und Maschine Stück für Stück weiterverlagern.

Vereinfacht gesagt fraß sich die Dredge vorne durch den Talboden, wusch im Inneren das Gold aus dem Kies und spuckte den Rest hinten wieder aus. Nur leider nicht dort und nicht in der Reihenfolge, in der die Natur ihn in den Jahrtausenden zuvor mühsam abgelegt hatte. Zurück blieben kilometerlange Kieswälle, neue Wasserläufe und eine Landschaft, der man die industrielle Goldsuche bis heute deutlich ansieht.


Fotografie der Dredge Nr. 8 der Yukon Gold Company, bei der die Eimerkette angehoben ist und sich die Besatzung auf dem Dach versammelt hat. Die Dredge schwimmt in einem künstlich angelegten Arbeisbecken am Bonanza Creek.
Aufschrift auf der Vorderseite:
‚Dredge der Yukon Gold Company am Bonanza Creek // 4. Juli 1913 // Foto: Wolfe, Dawson, Yukon Territory, 1913, Nr. 136‘

Schematische Darstellung des Funktionsprinzip einer Dredge
Abbildung: „Diagram of a Dredge“, Parks Canada, Dredge No. 4 National Historic Site, Klondike National Historic Sites, Dawson City, Yukon.

Dredge No. 4 – technische Maßlosigkeit

Wir fahren zur Dredge No. 4 am Bonanza Creek und besichtigen sie auch von innen. Und selbst wenn man vorher Bilder gesehen hat: Die Dimension ist absurd.

Die Dredge No. 4 gilt als größte erhaltene hölzerne Bucket-Line-Dredge Nordamerikas. Sie war ungefähr acht Stockwerke hoch, wog mehr als 2.700 Tonnen und arbeitete mit 72 Stahlkübeln. Jeder dieser Kübel fasste etwa 16 cubic feet, also rund 0,45 Kubikmeter Material. Die Kette lief mit ungefähr 22 Kübeln pro Minute. Damit konnte die Maschine bis zu rund etwa 13.800 Kubikmeter – Kies pro Tag verarbeiten.

Die digging ladder war gut 32 Meter lang. Die Maschine konnte deutlich unter die Wasserlinie greifen und sich über massive Spuds – riesige senkrechte Ankerpfähle – im Teich abstützen und seitlich bewegen. Eine knapp 15 Meter lange Trommel trennte anschliessend das Material mit ner Menge Wasser, dahinter folgte eine gewaltige Fläche an Sluice Tables. Elektrisch betrieben brauchte die Dredge beim Graben ungefähr 920 Pferdchen (also PferdeStärken).

Zwischen 1913 und 1959 war sie insgesamt 46 Jahre im Einsatz und gewann dabei rund neun Tonnen Gold.

Die größte ihrer Art – die Dredge 4 am Bonanza Creek

Ist sie wirklich von Dawson bis zum heutigen Stellplatz am Bonanza Creek „gefahren“?

Eine Geschichte, die wir zunächst so verstanden hatten, lautet ungefähr: Die Dredge sei von Dawson aus bis zu ihrem heutigen Standort gefahren und habe unterwegs einfach Gold eingesammelt. Das klingt großartig – ist aber nachdem wir im Visitor Center in Dawson aufgeklärt wurden, historisch zu stark vereinfacht.

Die Dredge No. 4 wurde 1912 für die Canadian Klondike Mining Company gebaut und nahm im Mai 1913 ihren Betrieb auf. Von dort arbeitete sie sich langsam durch die goldführenden Kiese des Klondike Valley. 1924 sank sie, wurde jedoch erst 1927 wieder flottgemacht und setzte ihre Arbeit anschließend bis in den Bereich des Hunker Creek fort. Dort war das Material teilweise ausgesprochen ergiebig: An ihrem besten Tag soll die Dredge mehr als 800 Unzen Gold aus dem Kies geholt haben.

1940 war dort Schluss. Die Dredge wurde demontiert, überholt und zum Bonanza Creek verlegt, wo sie wieder aufgebaut wurde. Von 1941 bis 1959 fraß sie sich weiter durch das Tal.

Sie „fuhr“ also tatsächlich über Jahrzehnte durch die Goldfelder – allerdings nicht wie ein Schiff gemütlich von Dawson City zum nächsten Einsatzort. Sie schwamm vielmehr in einem künstlichen Dredge-Pond, den sie während ihrer Arbeit gewissermaßen selbst mit sich führte: vorne Kies ausbaggern, Gold herauswaschen, hinten den Rest wieder ausspucken und sich Stück für Stück weiterarbeiten.

Am 1. November 1959 war endgültig Schluss. Im April 1960 brach oberhalb der Dredge der Upper Bonanza Dam.

Nach dem Dammbruch wurde sie überflutet, verdreht und Teile des Rumpfes wurde unter mehreren Metern Schlamm, Eis und Sediment verschüttet.

1970 kaufte Parks Canada die inzwischen ziemlich fest mit dem Yukon verwachsene Dredge für den geradezu symbolischen Preis von einem Dollar. 1991 und 1992 wurde sie schließlich aus Schlamm, Eis und Sediment freigegraben und wurde 1992 an ihren heutigen, besser geschützten Standort versetzt.

Man könnte also sagen: Neun Tonnen Gold gefördert, zweimal abgesoffen und am Ende für einen Dollar verkauft. Auch wirtschaftlich betrachtet hat die Dredge No. 4 damit eine durchaus abwechslungsreiche Karriere hingelegt.

Was die großen Dredges rund um Dawson mit der Landschaft gemacht haben, erkennt man bis heute sehr deutlich. Die Dredge No. 4 arbeitete sich wie eine schwimmende Goldfabrik durch den Untergrund. Wie bereits oben beschrieben blieben gewaltige Tailing-Piles, also langgezogene Wälle und Hügel aus ausgewaschenem Kies und Geröll zurück. Parks Canada beschreibt diese Aufschüttungen ausdrücklich als die bis heute sichtbaren Spuren des jahrzehntelangen Dredge-Betriebs im Klondike.

Wer nur in die Stadt oder durch die Goldfields fährt, nimmt diese Wälle zwar wahr, versteht ihr Ausmaß aber kaum.

Vom Midnight Dome oberhalb von Dawson sieht man sie dagegen besonders gut. Man erkennt, wie sich die Dredge in langen, geschwungenen Linien durch die Täler gezogen hat.

Und erst dann wird einem klar, welche Dimension diese Art des Goldwaschen hatte.

Es sieht aus, als hätte jemand mit einem gigantischen Pflug einmal sehr gründlich durch die Landschaft gezogen und anschließend beschlossen, dass „aufräumen“ eher ein Thema für spätere Generationen ist.

Ganz verschwunden sind diese Spuren bis heute nicht – und genau deshalb gehören sie für mich genauso zur Geschichte Dawsons wie die alten Gebäude, die Schaufelraddampfer und die Goldgräbergeschichten.

Wenn man auf dem Dome steht und diese Wurmhäufchen sieht – ist schön vielleicht das falsche Wort. Aber fucking imposant trifft es ziemlich gut.

Was mich während der Führung am meisten beeindruckt: Das Ding ist kein filigranes Stück Technik. Alles ist riesig, schwer, extrem laut. Zahnräder, Wellen, Ketten, Stahl, Holz, Wasser. Und trotzdem steckt dahinter ein erstaunlich präziser Materialfluss. Im Grunde eine schwimmende Goldfabrik.

Doch genug über Goldwaschen mit Dredges. Macht Euch gerne unten und in der Galerie ein eigenes Bild von der Dredge 4.

Dredge 4 – der größte Schwimmbagger Nordamerikas

Alles ist hier „etwas“ Größer – hier ein Antriebszahnrad
Die Waschrinnen sind hinter Gitter – nicht für die Ausstellung sondern sogar während der Betriebszeit. Warum? Ganz einfach – Gold kann schnell Beine bekommen – in diesem Bereich durften nur sehr wenige und vertrauenswürdige Menschen. Der Rest musste draußen bleiben – aus gutem Grund.
Ganz oben – der Arbeitsplatz vom Dredge Master

Zurück nach Dawson. Essen. Und dann passiert es.

Nach der Dredge fahren wir wieder zurück nach Dawson. Irgendwann reicht Technik, selbst für mich, und unsere Körper melden ganz banal: Wir haben ordentlich Hunger.

JD und ich sind mittlerweile wieder in Dawson und finden in einem netten Restaurant auf der Aussenterrasse einen sonnigen Platz. Vor mir liegen mittlerweile Spare Ribs, und ich übertreibe nicht: die besten Spare Ribs seit langer Zeit gegessen habe, auf dem Teller sowie ein kühles leicht beschlagenes Glas goldgelbenes Yukon.

Was für ein gelungener Ausklang des Tages

Was für ein gelungener Ausklang des Tages sage ich zu JD während genau in diesem Moment ein schwarzer GMC vor das Restaurant fährt, ein Fahrzeug mit einem roten Ambulance Schriftzug auf der Seiten- und Heckscheibe.

Die Tür geht auf.

Monica Beets steigt aus und geht die Treppen rauf zu unserem Restaurant.

What the Hack…

Ich starre sie, wahrscheinlich deutlich länger als gesellschaftlich angemessen ist, an. Ich in schwarzen Klamotten, vermutlich leicht offen stehender Mund, kompletter Systemstillstand im Kopf. Sie sieht mich. Zumindest bilde ich mir das ein. Und geht mit einer Freundin weiter in das Haupthaus des Restaurant.

Jetzt wäre der Moment für ein Foto. Eigentlich.

Für ein Foto müsste ich nur aufstehen und nur in den Gastraum gehen. Aber ich hatte mir vorher etwas vorgenommen: Wenn ich irgendjemanden aus der Serie privat sehen, spreche ich die Person einfach nicht an. Diese Menschen sind hier keine Figuren die ich mir Abends im Fernseher ansehe. Nein,sie wohnen und arbeiten hier. Sie mögen zwar lokale Berühmtheiten sein aber hier sind sie vor allem Privatpersonen. Und Privatsphäre verdient Respekt.

Sehr vernünftiger Plan, dachte ich. Zumindest für die Hauptakteure. Aber jetzt sehe ich hier Monica – eine Situation, die ich Knallbirne in meinem tollen Plan offensichtlich nicht berücksichtigt hatte.

In meinem Körper sitzt nun gleichzeitig ein ungefähr 16-jähriger Fanboy, der gerade vollständig die Kontrolle über meine Hirnfunktionen übernimmt.

JD merkt natürlich sofort, was los ist. Ich esse kaum noch. Meine Gedanken kreisen nur um eine einzige Frage: Soll ich sie um ein Foto bitten – und was würde ich überhaupt sagen?“

„Hey, cooles Shirt?“

Genial.

„Hallo Monica, ich kenne dich. Du bist die Tochter von Tony Beets.“

Mega Carsten, was für eine tolle Frage – vermutlich weiß sie das bereits.

Und wenn ich richtig nervös werde und keine Ahnung mehr habe was ich sagen soll dann, stehe ich wahrscheinlich am Ende mit rotem Kopf vor ihr und stammele irgendeinen vollkommen absurden Satz wie: „Mach mir ein Baby.“ Dann wäre wahrscheinlich nicht nur meine Ehe in ernsthafter Gefahr, sondern eine Anzeige wegen Belästigung gleich mit dabei. Beides vollkommen nachvollziehbar.

Also sitze ich da. Esse Spare Ribs. Versuche erwachsen zu wirken. Und bin innerlich aufgeregt wie ein kleines Kind. An normaler Kommunikation ist jetzt nicht mehr zu denken. Jede Rechenleistung die ich habe ist aktuell anderweitig im Einsatz.

Monica – Runde zwei

JD motiviert mich reinzugehen. „Geh doch einfach rein und frag sie. Dann wirst du schon erfahren ob ein Foto okay ist.“

Was natürlich leicht gesagt ist, wenn man selbst nicht gerade mental 35 Jahre rückwärts in die Pubertät gereist ist.

Ich gehe nicht.

Auch ein bisschen, um unsere Ehe nicht durch einen spontanen Totalausfall meiner Kommunikationsfähigkeit zu gefährden. Vor allem aber, weil mein ursprünglicher Gedanke eigentlich richtig ist: Sie sitzt dort privat mit einer Freundin und isst.

Nach einiger Zeit bezahlen wir das leckere Abendessen und gehen hinunter Richtung Camper.

Und natürlich fange ich sofort an, mit mir selbst zu diskutieren.

Ach fuck – was soll das – Ich gehe jetzt einfach zurück und sage „Hallo“. Ich sage, dass ich die Serie seit Jahren schaue. Ich frage höflich, ob ein gemeinsames Foto okay wäre. Wenn sie Nein sagt, ist das Nein. Fertig. So einfach ist das.

Klingt so einfach und so gut, der Entschluss ist gefasst. Ich drehe mich mutig um, um in den Gastraum des Restaurant zurück zu gehen und sie einfach anzusprechen. Genau in dem Moment wo ich mich entschlossen rumdrehe steht Monica mit ihrer Freundin hinter uns um zu ihrem Fahrzeug zu gehen.

Systemabsturz Nummer zwei.

Nichts geht mehr.

Ich schäme mich für meine eigene Unfähigkeit, bekomme natürlich kein Wort heraus und so geht sie zum Fahrzeug, schließt die Türen und ich stehe wie „Karl Doof“ auf der Straße . Also bleibt es bei zwei Sichtungen.

Immerhin!

Nach einer weiteren verpassten Gelegenheit fahren wir zufällig ein kleines Stückchen hinter ihrem Auto her. Das muss ich jetzt aber sicherheitshalber etwas genauer erklären: nicht, weil ich jetzt endgültig zu einem Stalker geworden bin. Sie fährt zurück Richtung der Claims. Und wir wollen hoch zum Midnight Dome. Für einen Teil der Strecke ist das schlicht derselbe Weg.

Irgendwann setze ich den Blinker nach links sie fährt geradeaus weiter.

Und ja, in diesem Moment ärgere ich mich ein bisschen über mich selbst. Ich hätte einfach höflich fragen können. Vielleicht hätte sie Ja gesagt. Vielleicht Nein. Vielleicht hätte ich fünf Sekunden später gemerkt, dass lokale Berühmtheiten auch nur Menschen sind.

Aber irgendwie bin ich damit – wenn auch nicht ganz freiwillig – meinem Vorsatz treu geblieben.

Midnight Dome – Dawson von oben

Der Midnight Dome ist dann noch einmal ein ganz eigenes Highlight.

Wir fahren hinauf, steigen aus und plötzlich liegt diese ganze Geschichte unter uns.

Dawson City. Der Yukon River. Die Fähre. Auf der anderen Flussseite beginnt der Top of the World Highway. Man erkennt den Golfplatz. Man sieht hinaus in die Goldfelder. Und vor allem sieht man diese merkwürdigen Kieslinien der Dredges, die sich durch die Täler ziehen wie die versteinerten Spuren riesiger Tiere.

Von hier oben wird sichtbar, was Dredge No. 4 und ihre Schwestern mit der Landschaft gemacht haben. Man kann ihre Wege lesen. Keine Straße, sondern kilometerlange Tailings. Ein industrielles Gedächtnis im Kies.

Und natürlich denke ich wieder an Monica. Auf dem Dome entstanden auch Bilder rund um ihre Hochzeit. Sie hat hier oben gestanden. Und jetzt stehen wir hier.

Aber eigentlich braucht der Ort keine Fernsehserie. Von hier oben versteht man Dawson auch ohne Tony, Parker, Rick oder Monica.

Man sieht, warum die Stadt hier entstand. Man sieht den Fluss als Verkehrsweg. Man sieht die Enge zwischen Wasser und Bergen. Man sieht die Goldfelder. Man sieht den Top of the World Highway, den wir bald nutzen um nach Alaska zu fahren, wie er auf der anderen Seite des Yukon hinauf in die Höhe steigt. Und man versteht plötzlich, wie eng an diesem Ort Landschaft, Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sind.

Dawson und der Yukon vom Dome
Die Goldfields im Hintergrund und im Vordergrund der Abraum der Dredge 4 entlang der Einfahrt nach Dawson
Die Tombstone’s vom Dome

 

 

Tag 5 – Dawson abseits des großen Programms

Wir sehen das Fitness Centre. Wir sehen Straßen und Ecken, die einem seltsam vertraut vorkommen, obwohl man nie zuvor hier gewesen ist. Und wir bleiben an einem Pavilion hängen, an dem Schulkinder musizieren. Genau solche Momente sind es, die Dawson davor bewahren, nur eine historische Kulisse zu sein. Das hier ist kein Museum mit Öffnungszeiten. Kinder machen Musik. Familien sitzen im Gras und genießen. Menschen kaufen Lebensmittel. Mechaniker wechseln Reifen. Minenarbeiter kommen nach Feierabend in die Stadt. Dazwischen laufen Besucher mit Kameras herum und versuchen zu begreifen, in welchem Jahrhundert sie eigentlich gerade unterwegs sind.

Was für eine Idylle. Schulkinder aus Dawson musizieren – Familien sitzen bei sommerlichen Temperaturen im Gras und genießen friedlich den Moment

Selbst der Fähranleger bekommt durch die Serie eine zweite Geschichte. Dort erinnere ich an die Szene mit dem brennenden Truck und besonders an das Transportschiff mit dem für die Familie Beets wichtigen Namen „Jasmine B“ – plötzlich ist selbst so ein unscheinbarer Platz kein bloßer Fähranleger mehr, sondern wieder einer dieser Orte, die man aus dem Fernsehen kennt und die in echt irgendwie noch ein bisschen spannender wirken.

Der Fähranleger und die Jasmine B.

Und während wir auf die George Black Ferry schauen, die Fahrzeuge über den Yukon zum Top of the World Highway bringt, verschmelzen echte Stadt, Serienbilder und unsere eigene Reise endgültig miteinander.

Das Palace Grand Theatre

Wir laufen weiter durch die Stadt und sammeln immer wieder diese kleinen Wiedererkennungsmomente. Das Palace Grand Theatre ist dabei eines der schönsten Gebäude überhaupt. Ursprünglich wurde das Theater 1899 von „Arizona Charlie“ Meadows errichtet und im Juli desselben Jahres eröffnet. Heute ist es rekonstruiert und Teil des Dawson Historical Complex von Parks Canada. 

Das Palace Grand gehört zu den Gebäuden in Dawson, bei denen man schon von außen merkt: Hier wurde während des Goldrauschs nicht nur gearbeitet, geschürft und getrunken – hier wollte man sich auch ordentlich unterhalten lassen.

Es war nicht einfach nur irgendeine Bühne, sondern eine Mischung aus europäischem Opernhaus und Boomtown-Tanzhalle. Auf dem Programm standen unter anderem Opern, Wild-West-Shows und andere Bühnenunterhaltung. Wenn das Programm einmal etwas an Schwung verlor, soll Arizona Charlie sogar selbst auf die Bühne gekommen sein und Schießkunststücke vorgeführt haben. Publikumskritik wurde damals offenbar noch etwas unmittelbarer beantwortet. 

Wichtig ist allerdings: Das Gebäude ist kein vollständig erhaltenes Original von 1899, sondern eine Rekonstruktion des historischen Theaters. Trotzdem vermittelt es ziemlich gut, wie erstaunlich mondän Dawson auf dem Höhepunkt des Goldrauschs gewesen sein muss. Während draußen Menschen durch Schlamm und Schotter stapften, saß man hier drinnen im Theater. Auch Goldgräber hatten schließlich Anspruch auf etwas Kultur – zumindest solange noch genug Goldstaub für die Eintrittskarte übrig war. 

Und das Beste: Man kann das Palace Grand Theatre auch von innen besichtigen. Parks Canada bietet geführte Touren an, bei denen man Bühne, Zuschauerraum und Bereiche hinter den Kulissen erkunden kann. Die aktuellen Termine erfährt man im Dawson Visitor Information Centre.

Wir haben es leider trotz fünf Tagen Dawson nicht geschafft.

Diese Stadt hat einfach zu viel zu bieten und offenbar haben unsere Tage zu wenige Stunden.

Das Downtown Hotel und sein Sourtoe Cocktail – der berühmteste Zeh des Yukon

Natürlich sehen wir auch den Ort, an dem man in Dawson einen Cocktail mit einem echten mumifizierten menschlichen Zeh trinken kann. Der Sourtoe Cocktail gehört ins Downtown Hotel und ist vermutlich eine der Geschichten, die man besser nicht zu lange medizinisch analysiert. Die Regel lautet sinngemäß: Man darf ihn schnell trinken, man darf ihn langsam trinken – aber die Lippen müssen den Zeh berühren.

Auch dieses passte sehr leider nicht in unseren gemeinsamen Plan. Aber ich komme wieder.

Dawson hat Gold, Weltkulturerbe, indigene Geschichte, Dredges und einen Zeh im Schnapsglas. Man kann dieser Stadt jedenfalls nicht vorwerfen, langweilig zu sein.

Das Downtown Hotel
Für alle Fussfetischisten ein Traum – für alle anderen eine Mutprobe

Mein wichtigster Dawson-Tipp: erst ins Visitor Centre

Wenn ihr in Dawson seid: Geht in das Visitor Information Centre. Wirklich. Nicht erst, wenn es regnet, so wie wir es leider gemacht haben. Nicht nur für einen Stadtplan. Geht rein und schaut euch die vier kurzen historischen Filme an, die dort kostenlos gezeigt werden.

Zu dem Zeitpunkt wo wir die Filme gesehen haben erkennen wir viele einzelne Dinge: Yukon River, Whitehorse, Steamboats, Miles Canyon, Claims, Dredges. Aber dort werden die Fäden zusammengezogen. Plötzlich versteht man, warum Steamboats so wichtig waren, warum der Fluss diese Bedeutung hatte, warum Whitehorse zum Verkehrsknoten wurde und warum die Landschaft draußen im Klondike so aussieht, wie sie aussieht. Dinge, die wir unterwegs nur als einzelne Puzzleteile erlebt haben, ergeben auf einmal ein Bild.

Für mich ist das einer dieser seltenen Besucherzentrum-Momente, nach denen man nicht weniger, sondern deutlich mehr Lust auf den Ort hat.

Der Visitor Center
Ein Modell der Dredge 4

Dawson auf zwei Rädern

Was uns in Dawson außerdem auffällt: Motorräder. Viele Motorräder. Reiseenduros, vollgepackte Adventure Bikes, staubige Maschinen vom Dempster, große GS, Africa Twins, KTMs, kleine und große Einzylinder – alles friedlich nebeneinander.

Vielleicht liegt es am Top of the World Highway. Vielleicht am Dempster. Vielleicht daran, dass Dawson genau an der Kreuzung jener Straßen liegt, auf denen Motorradfahrer irgendwann einmal fahren wollen, wenn sie zu lange auf Weltkarten geschaut haben.

Und dann sehe ich an einem Straßenschild ein paar Motorradreifen.

Einfach so.

Daran hängt ein Zettel: „Free“

Wo sonst auf der Welt findet man einen Satz ordentlicher Moppedreifen geschenkt?

Ich schaue natürlich genauer hin. Heidenau.

Damit ist zumindest mein persönlicher Ermittlungsstand abgeschlossen: Der Spender war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit deutsch. Oder jemand mit außerordentlich deutschem Reifengeschmack.

Oh Dawson City …

Fünf/sechs Tage.

Eigentlich wollten wir uns Dawson nur anschauen. Ein bisschen Goldrauschgeschichte. Goldfields. Dredge. Stadt. Einkaufen. Reifen wechseln. Vielleicht ein paar Drehorte aus „Gold Rush“ wiedererkennen.

Stattdessen hat mich diese Stadt voll erwischt.

Vielleicht weil sie nicht perfekt ist. Dawson ist staubig. Manches ist schief. Vieles ist alt. Im Winter muss das Leben hier brutal sein. Im Sommer kommen Touristen, Motorradfahrer, Goldsucher, Minenarbeiter und Leute wie wir. Geschichte wird vermarktet – natürlich. Aber hier wird eben auch gelebt und geliebt.

Der permafrost schiefe General Store verkauft nicht nachgestellte Konservendosen von 1898, sondern Lebensmittel für die Menschen von Dawson ebenso wie für Touristen wie uns. Im Hardware Store finden wir Dichtband für die Camper-Tür. Auf dem Yukon fährt die Fähre. Draußen in den Tälern wird noch immer nach Gold gesucht. Ein paar Kilometer weiter steht ein 2.700-Tonnen-Ungetüm aus Holz und Stahl, das 46 Jahre lang ganze Täler umgegraben hat. Am Fluss liegt eine Barge, die ich jahrelang nur aus dem Fernsehen kannte. Und beim Spare-Ribs-Essen läuft plötzlich Monica Beets an mir vorbei.

Vielleicht hätte ich sie ansprechen sollen.

Vielleicht war es genau richtig, es nicht zu tun.

Was bleibt, ist jedenfalls dieses völlig alberne Grinsen, wenn ich an die Situation denke.

Und das sichere Gefühl, dass ich Dawson noch einmal sehen werden. Dann mit Can-Can. Vielleicht wieder mit Motorradfahrern. Vielleicht wieder mit viel zu viel Staub. Und wer weiß – vielleicht schaffe ich es beim nächsten Mal sogar, Monica Beets einfach nur ganz normal „Hi“ zu sagen.

Oh Dawson – how beautiful you are. I have lost my heart in Dawson.


Nachwort: Mach es, wenn Du die Gelegenheit dazu hast

Während ich gerade die letzten Zeilen dieses Artikels über Dawson finalisiere, ploppt auf meinem Tablett ein Nachrichtenfenster auf.

„Sie haben eine neue Nachricht von Monica Beets.“

😳😳😳

Okay. Hier muss ich jetzt doch noch einmal ein wenig weiter ausholen.

Die Sache mit meiner grandios verpassten Chance hatte mich nämlich einfach nicht losgelassen. Schließlich waren wir danach noch ein paar Tage in Dawson, und irgendwann dachte ich mir: Ach komm. Was soll schon passieren?

Also habe ich Monica tatsächlich geschrieben und ihr in einer stark vereinfachten Version erzählt, wie ich sie gesehen, erkannt und dafür entschieden habe nicht „Hallo“ zu sagen und nach einem gemeinsamen Bild zu fragen. Mit einer Antwort hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Was sie mir darauf jedoch geantwortet hat, werde ich hier nicht wiedergeben. Manche Dinge gehören einfach mir.

Aber, vielleicht ist genau das aber auch die kleine Erkenntnis, die ich aus dieser Geschichte mitnehme:

Macht die Dinge, wenn ihr die Gelegenheit dazu habt.

Denn meistens wissen wir nicht, ob eine Gelegenheit wiederkommt.

Manchmal kommt stattdessen ein paar Wochen später nur eine Nachricht, die einem sehr freundlich bestätigt, dass man damals tatsächlich eine ziemlich gute Chance versemmelt hat.

Und irgendwie passt auch das ziemlich gut zu meiner Zeit in Dawson.