Nach einer extrem heißen Nacht – und damit meine ich ausschließlich die Temperatur in unserem Camper, was auch sonst – brechen wir leicht erschöpft auf. Die Nacht war nicht nur brütend warm, sondern auch ein einziges Summen und Stechen. Gefühlt werden es jeden Tag mehr Mücken. Da zudem kein Lüftchen ging und wir aus Angst vor Mücken alle Fenster und Klappen geschlossen hatten, verwandelte sich unser Camper langsam in einen Backofen. Immerhin geht die Sonne hier oben nachts nicht unter – und wir wurden langsam, aber sicher, im eigenen Saft gegart. Mega! Entsprechend starten wir früh, machen den Camper so gut es geht wieder staubsicher und rollen los.
Runter vom Schlafplatz, rauf auf die Piste – schließlich wartet das Polarmeer auf uns. Doch schon beim Abkleben der Kabine entdecken wir dort einige lose Schrauben. Kein Problem, denke ich. Schließlich habe ich mein kleines Werkzeugset aus der Reihe “Carsten – Der Baumeister” dabei. Denkste. Schlitz, Kreuzschlitz, Torx, Innensechskant – nichts passt. Wer nimmt auch Vierkant-Bits mit in den Urlaub? Ich jedenfalls nicht – und um ehrlich zu sein – hätte ich auch nicht vermutet das es sowas überhaupt gibt.

In Vancouver hatte ich mich noch über das dürftige Bordwerkzeug geärgert, so muss ich mich heute innerlich dafür entschuldigen. Tatsächlich befindet sich darin genau der passende Robertson-Bit, den ich brauche. Wieder etwas gelernt. Irgendwie lerne ich auf dieser Reise jeden Tag etwas Neues. Und je mehr ich lerne, desto mehr wird mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß. Nun gut – philosophieren zieht noch keine Schraube fest, also in die Hände gespuckt und es werden schnell alle lockeren Schrauben nachgezogen, so dass es endlich weitergehen kann.

Schon kurz darauf entschädigt die Landschaft für die schlaflosen Nächte, Wellblech und unzählige Kilometer Schotter und nun ja STAUB. Die Berge liegen hinter uns, die Weite nimmt zu und wir wissen: Gleich erreichen wir den Polarkreis.
Der Polarkreis
Aus Europa kennen wir solche Orte als Touristenmagneten mit Reisebussen, Menschentrauben und Souvenirständen. Hier erleben wir das komplette Gegenteil. Der Polarkreis und seine beiden Toilettenhäuser gehören nur uns. Kein Bus. Keine Reisegruppe. Nur wir beide, die unendliche Landschaft und absolute Ruhe. Nach einem kleinen Drohnenflug genießen wir diesen besonderen Augenblick – und natürlich auch die beiden einsamsten Toilettenhäuser, die wir je gesehen haben.




Wenig später überqueren wir am Wright Pass die Grenze vom Yukon in die Northwest Territories. Vor uns liegen nun noch zwei Fähren. Wenn wir beide heute schaffen, ist es nur noch ein kurzer Weg bis nach Inuvik und weiter zum Polarmeer.


Zwischen Natur und Fahrplan
Wer den Dempster Highway bis Inuvik fährt, muss gleich zweimal eine Autofähre benutzen. Brücken existieren weder über den Peel River noch über den mächtigen Mackenzie River. Während der Sommermonate übernehmen deshalb zwei kostenlose Fähren den Verkehr. Im Winter entstehen Eisstraßen, und während des Übergangs zwischen Eis und offenem Wasser ruht der Verkehr teilweise wochenlang. Eine Ausweichroute gibt es nicht. Genau das macht den Dempster Highway so besonders: Nicht der Fahrplan entscheidet, sondern die Natur.
Mit der M.V. Abraham Francis über den Peel River
Die erste Überfahrt erfolgt mit der M.V. Abraham Francis über den Peel River. Die kleine, an einem Stahlseil geführte Fähre überquert rund 600 Meter Fluss in etwa fünf Minuten. Reservierungen gibt es nicht. Man stellt sich an, wartet und fährt, sobald die Besatzung das Signal gibt. Obwohl die Überfahrt nur wenige Minuten dauert, fühlt sie sich wie eine kleine Grenze an. Hinter uns liegen die Richardson Mountains, vor uns beginnt eine flachere und wasserreichere Landschaft.

Mit der M.V. Louis Cardinal über den Mackenzie River
Wenig später wartet bereits die zweite Fähre. Die M.V. Louis Cardinal bringt uns über den rund 900 Meter breiten Mackenzie River. Die Überfahrt dauert ungefähr acht Minuten. Gleichzeitig verbindet sie die Gemeinde Tsiigehtchic mit dem Highway. Je nachdem, wo Fahrzeuge oder Bewohner warten, steuert die Fähre unterschiedliche Anlegestellen an. Während wir gemächlich über den Fluss gleiten, wird erneut klar, wie außergewöhnlich diese Straße ist. Mehr als 700 Kilometer Schotter, Berge, Tundra und Permafrost – und zwei Flüsse entscheiden noch immer darüber, ob die Reise weitergeht. Und als wäre das nicht genug, fahren wir auf der letzten Fähre auch noch rückwärts. Zum Glück ist der Magen leer …

Der Kampf ist verloren
Am Abend erreichen wir unseren heutigen Schlafplatz nördlich von Tsiigehtchic. Wir nutzen einen Bauplatz und habe einen geschützten Platz hinter einem Kiesberg gefunden. Millionen Mücken belagern den Ford. Für einen anderen Stellplatz fehlt uns jedoch jede Energie. Mit Tennisschläger bewaffnet kämpfen wir uns also durch gefühlt Milliarden kleiner Mückensoldatinnen bis in den vermeintlich sicheren Innenraum, während Staub und Insekten trotz aller Abdichtungsversuche ihren Weg in die Kabine gefunden haben.
Nachdem der gröbste Staub entfernt ist, tauchen aus jeder Ecke neue Mücken auf. Irgendwo muss es eine größere Öffnung geben. Das unheilvolle Summen aus der Dunstabzugshaube klingt jedenfalls so, als befände sich dahinter das Hauptquartier der gesamten Mückenarmee der Northwest Territories. Von außen nachsehen? Keine Chance. Dafür müsste man noch einmal hinaus – mitten hinein in die schwarze Wolke. Das packe ich heute nicht mehr.
Also wird von innen alles abgeklebt, was sich irgendwie abkleben lässt. Ohne Erfolg. Zwei Stunden Schlaf sind das Maximum. Weder Mückenmütze noch Decke bis unter die Nasenspitze – bei knapp 30 Grad eine echte Strafe – noch unser großzügig eingesetztes Repellent helfen. Irgendwann geben wir auf. Um drei Uhr morgens starten wir den Motor und flüchten weiter nach Norden.

Ob das die richtige Entscheidung war? Das erfahrt ihr im nächsten Artikel.