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WDAE – Von Whitehorse nach Dawson City


Etappe 2 und 3: In zwei Akten von kurz hinter der Braeburn Lodge bis nach Dawson City

Konfuzius sagt “Ausschlafen ist auch eine Form von Urlaub” – oder so ähnlich

Nach einer entspannten und vor allem ruhigen Nacht – ganz ohne Bärenbesuch – starten wir gewohnt spät in den Tag. Ausschlafen, kein Wecker und keinerlei Termindruck – das hat schon etwas für sich. Gefühlt holen wir gerade all die Stunden Schlaf nach, die uns der durch und durch getaktete Alltag in den letzten Jahren „gestohlen“ hat. Wenn ich die einmal Stunden zusammenzählen würde, müsste ich vermutlich den kompletten Urlaub verschlafen. Bei JD dürfte die Rechnung allerdings ganz ähnlich aussehen.

Das letzte Roadhouse am Klondike Trail

Wir setzen unsere Fahrt Richtung Norden fort und entdecken immer wieder verlassene Holzhäuser am Straßenrand. Kurz hinter Montague wird meine Neugier schließlich zu groß. Vor einem dachlosen Holzhaus treten wir auf die Bremse.

Ein Hinweisschild verrät uns, dass wir vor dem letzten erhaltenen Montague Roadhouse stehen. Das Gebäude wurde zwischen 1904 und 1905 von Mike Cyr errichtet und war das dritte und zugleich letzte der insgesamt drei Roadhouses an dieser Stelle. Cyr lebte hier ganzjährig, betrieb das Gasthaus und kümmerte sich im Sommer um die Weidepferde der Reisenden. Erst 1929 verließ er den abgelegenen Ort, nachdem der Posttransport zunehmend auf Kettenfahrzeuge umgestellt worden war.

Das Roadhouse blieb noch bis in die 1940er-Jahre in Betrieb. Ein kleines Nebengebäude diente zuletzt als Lager für gefrorenes Fleisch. Die Stallungen wurden 1951 beim Bau des Klondike Highway abgerissen.

Wieder so ein Ort, an dem Geschichte nicht hinter Museumsvitrinen verschwindet, sondern einfach am Straßenrand steht.

Das letzte Roadhouse von Montague
Das Lagerhaus für gefroren Fleisch
Handwerkskunst

Five Finger Rapids – die Mutprobe der Kapitäne

Wir fahren weiter Richtung Norden. Hinter Carmacks erreichen wir wenig später eines der bekanntesten Natur- und Geschichtshighlights des gesamten Klondike Highways: die Five Finger Rapids.

Hier zwängt sich der Yukon River zwischen fünf schmale Felsinseln hindurch und bildet mehrere enge Fahrrinnen mit gewaltigen Stromschnellen. Für die Kapitäne der Schaufelraddampfer war dieser Abschnitt einer der schwierigsten auf der gesamten Strecke zwischen Whitehorse und Dawson City. Nur eine Fahrrinne galt als sicher befahrbar. Wer Strömung oder Wasserstand falsch einschätzte, riskierte schwere Schäden am Schiff oder lief auf Grund.

Heute führt ein kurzer Wanderweg zu einer Aussichtsplattform. Wer möchte, kann anschließend über mehr als 200 Holzstufen fast bis hinunter an das Ufer des Yukon River steigen.

Natürlich machen wir uns a den kompletten Abstieg bis zur zweiten Plattform. Zumindest JD. Ich drehe kurz vorher um und warte lieber oben. Unten wird einem erst richtig bewusst, welche Kraft der Yukon River entwickelt. Mit dem Donnern des Wassers im Ohr fällt es leicht, sich vorzustellen, wie hier vor über hundert Jahren die Dampfschiffe talwärts manövriert wurden – beladen mit Menschen, Ausrüstung, den Hoffnungen tausender Goldsucher und spätestens an dieser Stelle vermutlich auch mit einer gehörigen Portion Angst in der Hose.

Auch wenn ich hier nun auf das Visitor Center in Dawson City vorgreife, so möchte ich doch ein kleines Video weiter unten anfügen. Dieses zeigt eindrucksvoll wie damals ein Steamer durch diese gefährliche Engstelle manövriert wurde, Es ist schon faszinierend wer Nah uns der Klondike kommt und wie wir immer mehr kleine Puzzleteile zu einem großen Bild zusammen setzten können.

The Five Finger Rapids von der ersten Plattform
Runter in den Wald geht es über 200 Stufen
Ausblick von der unteren Plattform
Vorschau – hier ein Video aus dem Besucherzentrum in Dawson City

Wer runtergeht …

Runter geht es bekanntlich immer leicht.

Blöd nur, dass jede einzelne Stufe anschließend auch wieder nach oben gegangen werden muss. Wer dieses allerdings als Zwischenstopp und willkommenes sportliches Ereignis nach einem langen Fahrtag ansieht, der kommt sicherlich mit deutlich besserer Laune oben an als ich.

Da war noch Kraft in den Beinen … Aufstieg in unter 2 Sekunden
Fast geschafft – das Ziel ist in unmittelbarer Nähe

Nach einer ordentlichen Portion Lemon Curd und einer heißen Tasse Tee fühlen wir uns aber wieder ausreichend regeneriert und setzen unsere Fahrt fort.

Kurz hinter Pelly Crossing überqueren wir den mächtigen Pelly River. Heute rauscht der Verkehr ganz selbstverständlich über die rund 190 Meter lange Stahlbrücke.

Bis Anfang der 1960er-Jahre sah das allerdings ganz anders aus. Fahrzeuge mussten den Fluss mit einer Fähre überqueren, im Winter teilweise sogar über das Eis. Erst mit der Fertigstellung der Brücke im Jahr 1962 wurde der Klondike Highway erstmals zu einer durchgehenden Straßenverbindung zwischen Whitehorse und Dawson City.

Es hört einfach nicht auf. Auf dieser Strecke scheint selbst das unscheinbarste Bauwerk seine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Die Brücke über den Yukon bei Pelly Crossing
Piste nach Pelly Crossing

Schlamm schlägt Straßenreifen

Bis Dawson City schaffen wir es heute nicht mehr. Also suchen wir erneut nach einem schönen Stellplatz für die Nacht.

Den finden wir tatsächlich direkt an einem Flussufer.

Zumindest theoretisch.

Der knapp einen Kilometer lange einspurige Zufahrtsweg besteht aus schlammigen Passagen. Für unseren Ford F-350 wäre das kein ernsthaftes Problem – wären da nicht die Straßenreifen, mit denen unser Fahrzeug ausgestattet wurde. Bereits nach wenigen Metern setzen sich die Profile vollständig zu. Aus Traktion wird Rutschen, aus Lenken wird Hoffen.

Über fünf Tonnen Fahrzeuggewicht beginnen plötzlich mehr zu driften als zu fahren. Ein Gefühl, das man nicht unbedingt häufiger erleben möchte.

Am Fluss angekommen beginnt es dann auch noch kräftig zu regnen. Das Risiko, auf dem Rückweg endgültig im Schlamm stecken zu bleiben, erscheint uns deutlich zu groß. Also drehen wir schweren Herzens wieder um.

Spätestens jetzt wird uns bewusst, dass vor uns mit dem Dempster Highway fast 1.800 Kilometer Schotterstraße hin und zurück liegen. Ganz wohl ist mir bei diesem Gedanken und unseren Reifen ehrlich gesagt nicht.

Willkommen im Reich der Vampire

Nach gut einer Stunde finden wir schließlich einen anderen Übernachtungsplatz.

Eine wunderschöne Blumenwiese. Eben. Ruhig. Nicht weit vom Highway entfernt.

Was will man eigentlich mehr?

Ich kann es euch sagen.

Einen Stellplatz ohne Mücken.

Kaum ist der Motor aus, beginnt der Angriff. Tausende kleine fliegende Vampire scheinen nur auf unsere Ankunft gewartet zu haben. Sie umschwärmen den Camper wie ein ausgehungertes Wolfsrudel sein nächstes Abendessen.

Nur ein heldenhafter Sprint zur Heckklappe rettet uns davor, innerhalb weniger Minuten vollständig leer gesaugt zu werden.

Damit hätten wir dann auch unseren ersten Vorgeschmack auf die kommende Mückenhochsaison des Yukon bekommen.

Der Kampf ums stille Örtchen

Eigentlich alles kein Problem.

Zumindest solange man nicht auf die Toilette muss.

Da ich mich standhaft weigere, das Camper-WC für “größere Projekte” zu benutzen, ziehe ich bewaffnet mit der gelben Elektrokeule in der einen und einer Rolle Klopapier in der anderen Hand los. Vermutlich keine besonders heldenhafte Erscheinung – aber manchmal muss man Prioritäten setzen.

Kaum habe ich den Waldrand erreicht, passiert es.

Plötzlich stürzt sich eine schwarze Wolke Moskitos auf mich.

Nicht mit mir!

Ich hole mit dem Elektroschäger aus -es knallt, es blitzt und es riecht nach gegrillten Mücken. Reihenweise gehen die kleinen Biester unter meiner stromgeladenen Verteidigung zu Boden.

Doch für jede erledigte Mücke scheinen augenblicklich zehn neue aufzutauchen.

Ich muss mich offenbar direkt über dem Geburtsort aller Moskitos auf diesem Planeten befinden.

Doch schon bald muss ich erkennen das ich diese Schlacht verloren habe. Mit letzter Kraft rette ich mich zurück in den Camper.

Immerhin brauche ich mir die nächsten Tage keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob ich lieber auf dem Rücken oder auf der Seite schlafe. Beides tut gleichermaßen weh. Allerdings wird das Autofahren die nächsten Tage sicherlich kein Spaß werden. Autsch.

Darf ich vorstellen – unser Bester Freund im Kampf gegen die Mücken

Dawson City – das nächste Abenteuer wartet

Nach einer überraschend ruhigen Nacht – zumindest für mich. Dank Ohrstöpseln bekomme ich von JDs nächtlichem Krieg gegen die Mücken kaum noch etwas mit – erreichen wir schließlich den Goldrush RV Campground in Dawson City.

Die erste und erstmal letzte Nacht in Dawson City

Hier bleiben wir eine Nacht, füllen Diesel-, Wasser- und Lebensmittelvorräte auf und bereiten uns auf das nächste große Abenteuer vor.

Vor uns liegen fast 1.800 Kilometer auf einer der abgelegensten Straßen Nordamerikas. Der Dempster Highway führt über rund 740 Kilometer zunächst bis nach Inuvik. Seit 2017 verbindet der Inuvik–Tuktoyaktuk Highway den hohen Norden schließlich sogar mit dem Polarmeer. Für die Piste planen wir insgesamt etwa zwei Wochen ein.

Was uns dort erwartet?

Davon erzählen die nächsten Beiträge.

Nachwort für Ronja und Helena

Na – wer bist denn Du? Fast hätten wir Dich übersehen.

So – jetzt können wir Dich besser sehen

Habt ihr eine Idee wie das kleine Tier 🐿️ heisst, das hier genüsslich Löwenzahnsamen futtert?

Das ist ein Arktisches Ziesel. Es lebt im Yukon und in Alaska und verbringt fast acht Monate im Jahr im Winterschlaf. Im kurzen Sommer frisst es deshalb fast ununterbrochen Gräser, Blüten, Samen und Beeren, um sich genügend Fett für den langen Winter anzufuttern.

Im Sommer heisst es fressen, fressen und nochmals fressen.