Monatsarchiv: Oktober 2026

WDAE – Top Of The World


Knirschend ruckelt sich die Fähre in Position. Ein Mann in Warnweste läuft noch einmal über das Deck, kontrolliert, ob alles dort steht, wo es stehen soll und senkt schließlich die Absperrung. Dann zeigt er auf uns, fordert uns freundlich auf den Motor zu starten und verabschiedet uns mit den Worten „Have a nice journey, guys!“. Wir bedanken uns, wünschen ihm einen schönen Tag – und rollen von der Fähre runter. Geschafft. Wir sind auf der anderen Seite des Yukon. Hinter uns liegt Dawson City. Vor uns liegt der Top of the World Highway. Endlich.

Nach all der Warterei am Fähranleger fühlt sich bereits das simple Vorwärtsfahren wie ein kleiner persönlicher Triumph an. Wir rollen vom Anleger weg und beginnen unmittelbar danach, uns aus dem Yukon-Tal nach oben zu schrauben.

Ich bin müde, ein bisschen durch und gleichzeitig ziemlich aufgedreht.

„Sag mal“, frage ich JD nach ein paar Minuten, „weißt du eigentlich, warum der Highway Top of the World heißt?“ Kurze Pause. „Hat sich bestimmt ein Amerikaner ausgedacht.“ füge ich etwas kleinkariert hinzu. Damit habe ich Pandoras Box geöffnet und damit meiner derzeit ohnehin nicht sonderlich ausgeprägte Begeisterung für die amerikanische Politik und habe mir gleichzeitig sofort selbst die passende Steilvorlage gegeben.

Und so grummele ich vor mich hin:

„Größer. Besser. Top of the World. Was sonst.“

Top of the World.

Klar.

Das Größte, das Beste, das Höchste – und überhaupt das einzig Wahre.

Größer, stärker, besser als alles andere.

Ich merke selbst, wie ich mich langsam in Rage rede.

Und schweige lieber.

Damit landen wir wieder bei einem Thema, das uns bereits seit Tagen auf der Reise begleitet, über das wir aber nie so richtig zu Ende gesprochen haben:

Wollen wir momentan eigentlich wirklich in die USA – genauer gesagt nach Alaska?

In einen Bundesstaat, in dem Donald Trump bei den vergangenen Wahlen eine deutliche Mehrheit bekommen hat? In ein Land, dessen politische Entscheidungen gerade fast täglich Weltnachrichten produzieren, bei denen ich morgens gelegentlich zweimal prüfen muss, ob ich versehentlich auf einer Satireseite gelandet bin?

Ein Präsident, dessen Auftreten gegenüber langjährigen und bewährten Partnern und Verbündeten bei mir regelmäßig Kopfschütteln auslöst. Aussagen, politische Entscheidungen und ein Umgang mit Macht, die so ziemlich allem widersprechen, was ich persönlich unter Verlässlichkeit, Respekt und partnerschaftlichem Umgang verstehe.

Nun könnte ich darüber wahrscheinlich noch einige Kilometer weiter philosophieren.

Tue ich auch und finde kein Ende. JD kennt das, leider.

Aber dieses hier ist ein Reiseblog. Es geht um unsere Reise, unsere Begegnungen, die Landschaften, die kleinen Katastrophen und die großen Momente während unseres Sabbaticals – und nicht darum, aus „Wo Der Asphalt Endet“ versehentlich „Carstens politisches Stimmungsbarometer“ zu machen. 

Außerdem sind mir Meinungsfreiheit, Vielfalt und Toleranz extrem wichtig. Jeder darf sich seine eigene Meinung bilden. Andere Meinungen muss ich nicht mögen. Ich muss sie auch nicht verstehen. Aber ich kann akzeptieren, dass es sie gibt. Für mich endet persönliche Freiheit allerdings dort, wo man beginnt, die Freiheit anderer einzuschränken. Mehr Politik gibt es an dieser Stelle nicht. 

Versprochen.

Also,… 

…zumindest fast.

Denn gerade hier oben wirkt dieser ganze Konflikt noch absurder. Der Yukon und Alaska sowie Kanada und die USA sind wirtschaftlich, gesellschaftlich und infrastrukturell so eng miteinander verbunden, dass eine Grenze auf der Landkarte kaum vermitteln kann, wie sehr beide Länder tatsächlich miteinander verflochten sind.

Aber gut. Wir planen diese Grenze in wenigen Stunden selbst zu überqueren und lassen damit das Thema fürs Erste dort liegen, wo es hingehört – nämlich irgendwo zwischen Dawson City und Alaska.

Wir konzentrieren uns damit wieder auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens.

Zum Beispiel: Warum heißt diese Straße eigentlich Top of the World Highway?

Wenn Top of the World draufsteht … sage ich zu JD, „also, wenn eine Straße Top of the World heißt, dann erwarte ich jetzt aber auch mindestens eine Strecke über den Wolken.“ „Vorsicht“, kontert JD. „In Alaska heißt die Straße dann irgendwann anders.“

Recht hat sie, denn auf der US-amerikanischer Seite führt der Top of the World Highway noch bis Jack Wade Junction. Danach heisst er Taylor Highway und führt weiter Richtung Chicken und Tok. Zwei Ortsnamen die mir immer wieder ein entrücktes Lächeln ins Gesicht zaubern. „Na dann sollten wir das kanadische Dach der Welt besser genießen, solange wir noch drauf sind.“ Sage ich zu JD. Sie schaut mich Wortlos an und ich grinse. Ob sie wohl verstanden hat worüber eigentlich?

Und dann passiert etwas, womit ich in diesem Moment tatsächlich nicht gerechnet habe.

Meine zuvor genannte Erwartung wird Realität. Vor uns fahren wir über eine gut präparierte Schotterstraße die immer höher ansteigt. Hinter uns wird der Yukon kleiner. Dawson verschwindet langsam aus unserem Blickfeld und wir fahren aus dem Tal hinauf in eine völlig andere Landschaft. Zunächst begleiten uns noch dichte boreale Wälder. Fichten stehen links und rechts der Straße, dazwischen Büsche und niedrige Vegetation. Doch mit jedem Höhenmeter werden die Bäume kleiner. Dann lückiger. Und irgendwann stehen sie praktisch gar nicht mehr im Weg. Vor uns öffnet sich die Landschaft. Nicht ein bisschen. Komplett.

Über uns spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Einige wenige weiße Wolken treiben darüber – genau diese Bilderbuchwolken, die man sich bei uns für einen perfekten Herbsttag bestellen würde. Nur dass wir nicht bei uns zu Hause, im Bergischen Land, unterwegs sind.

Wir fahren über einen Bergrücken im Yukon. Und plötzlich verstehen wir den Namen.

Top of the World. Die Straße führt nicht wie so viele andere Highways durch die Täler. Sie bleibt einfach oben. Sie zieht sich über die Kämme und Rücken einer scheinbar endlosen Berglandschaft. Vor uns können wir den Verlauf der Piste teilweise kilometerweit erkennen. Sie verschwindet hinter einer Kuppe, taucht auf der nächsten wieder auf und zieht weiter bis zum Horizont. Links und rechts fallen breite Täler von uns ab. Dahinter der nächste Bergrücken. Und dahinter noch einer. Und noch einer. Und ….

Natürlich befinden wir uns nicht im Himalaya. Auch nicht im Pamir oder auf dem tibetischen Hochplateau. Mit den wirklichen Riesen dieser Erde kann sich diese Landschaft höhenmäßig nicht messen. Aber das spielt gerade überhaupt keine Rolle.

Denn hier oben entsteht tatsächlich dieses Gefühl, auf der Landschaft zu fahren und nicht durch sie hindurch. Die Straße scheint den Bergen nicht auszuweichen. Sie läuft einfach über ihre Rücken. Und genau das macht diese Strecke so außergewöhnlich.

Wir haben dazu noch unglaubliches Glück mit dem Wetter. Die Luft ist klar und wir können über enorme Distanzen schauen.

Abgerundete Bergrücken. Täler. Tundra, Fichten und irgendwo mittendrin eine schmale Straße, auf der sich ein ziemlich großer Ford mit einer Wohnkabine langsam durch dieses Panorama bewegt.

Ich stammel mal wieder irgendwelche Worte vor mir hin. Mir fehlen – mal wieder – die passenden Worte um ganze Sätze zu formulieren. Das ist insofern bemerkenswert, als mir normalerweise eher selten die Worte fehlen. JD kann das sicherlich zu ihrem Leidtragen bestätigen. Doch jetzt besteht mein gesamtes sprachliches Repertoire plötzlich nur noch aus hochkomplexen Äußerungen wie:

„WoW.“ „Mega.“ „Guck mal da hinten!“ „Wahnsinn.“

Und meinem mittlerweile persönlichen Favoriten:

„Damit habe ich jetzt aber wirklich nicht gerechnet.“

Letzteren Satz haben wir auf dieser Reise inzwischen erstaunlich oft gebraucht. Und genau deshalb liebe ich solche Momente.

Man macht vorher irgendwelche Sprüche.

Top of the World – das Dach der Welt – na klar – Worte aus einem Tourismuskatalog. 

Hört sich halt gut an. Tourismusmarketing kann schließlich jeder. Und dann fährt man hier hoch und stellt fest: Verdammt. Die haben schon einen sehr passenden Namen gewählt – hier ist nicht mehr Schein als Sein. Ganz und gar nicht – hier ist mal gar nicht so sehr übertrieben.

Irgendwann gelingt es meinem Gehirn wieder, mehrere Wörter zu einem zusammenhängenden Satz zu verbinden. „Weißt du was?“ sage ich. „Was?“, lautet die unmittelbare Antwort von JD.

„Wir müssen hier oben übernachten.“ Kurze Pause. „Lass uns heute nicht mehr bis zur Grenze fahren. Das hier ist einfach viel zu schön.“

Und damit ist die Entscheidung eigentlich auch schon gefallen.

Denn erstens bedeutet das, dass wir noch eine weitere Nacht im Yukon verbringen. Und zweitens: Fuck – ist das schön hier.

Außerdem: Wer kann schon behaupten, auf dem Top of the World geschlafen zu haben? Gut. Rein technisch vermutlich einige.

Aber heute Nacht gehören wir hoffentlich dazu. Irgendwo muss hier doch ein Stellplatz zu finden sein …

Also fahren wir weiter.

Immer wieder zweigen kleine Wege von der Straße ab. Manche führen zu Goldfeldern, andere in ehemalige Bergbaugebiete oder verschwinden einfach irgendwo zwischen Hügeln und Tälern. Auch hier begegnet uns die Bergbaugeschichte des Yukon wieder. Nicht in den gigantischen Dimensionen der Goldfields rund um Dawson City, wo ganze Täler von Dredges regelrecht umgepflügt wurden. Aber auch entlang des Top of the World Highway und rund um den Fortymile River liegen seit mehr als einem Jahrhundert zahlreiche historische Claims. Von der Höhenstraße aus erkennen wir immer wieder einzelne Abbauflächen in den Tälern. Gold ist hier eben nicht nur Geschichte. Auch westlich des Yukon wurde und wird danach gesucht – und offensichtlich auch gefunden.

An einer der Zufahrtsstraßen halten wir kurz an. Von hier zweigt die Clinton Creek Road ab.

Auf den ersten Blick sieht auch diese Gegend nach klassischem Goldland aus. Und tatsächlich gehört sie zum historischen Fortymile-Gebiet mit seinen zahlreichen Claims. Clinton Creek selbst wurde allerdings vor allem durch eine ganz andere Art des Bergbaus bekannt. Hier wurde von 1967 bis 1978 Asbest abgebaut. Die Mine ist heute aufgegeben, Teile des Gebietes sind wegen instabiler Flächen gesperrt. Gold gehört trotzdem auch hier zur Geschichte – nur eben nicht in derselben Größenordnung wie rund um Dawson.

Wir fahren weiter nach Westen.

Zufahrt zur Asbestmine der abandoned Clinton Creek II mine site

Und mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft ein kleines bisschen mehr.

Kurz darauf sehen wir einen kleinen Seitenweg. Er zweigt rechts von der Straße ab, verschwindet zwischen niedrigen Büschen und zieht sich leicht auf einen kleinen Bergrücken hinauf. Sieht interessant aus denke ich. Was bei mir inzwischen ungefähr gleichbedeutend ist mit – Da müssen wir rein!

Also, zum Leid meiner Frau die solche Aktionen so gar nicht mag, Blinker rechts, runter von der Straße und damit rein auf den schmalen Feldweg und ins Gestrüpp. Der Ford beginnt sofort, auf dem schlechten Weg „gemütlich“ von einer Seite auf die andere zu schaukeln.

Mit unseren neuen AT-Reifen und bei diesem trockenen Wetter mache ich mir allerdings wenig Sorgen. Der Untergrund ist fest und ich vertraue inzwischen sowohl dem Author dieses Textes als auch meiner Einschätzung ganz gut.

Und außerdem gibt es für solche Situationen eine der wichtigsten Offroad-Praxisregeln überhaupt: „Never drive down something you can’t drive back up.“ Für mich heißt das sinngemäß: Wenn es vorne irgendwann nicht mehr weitergeht oder uns die Strecke doch zu abenteuerlich wird, fahren wir eben rückwärts wieder raus.

Zumindest finde ich, dass das in der Theorie ausgesprochen überzeugend klingt.

Mit diesem Mindset fahre ich dann entschlossen weiter. Langsam, aber stetig arbeiten wir uns weiter den schmaler werdenden Weg hinauf – ohne zu wissen, was uns hinter der nächsten Biegung erwartet.

Äste und Gestrüpp kratzen gelegentlich an den Seiten unserer Kabine entlang. Auf solchen Strecken mache ich mir mittlerweile deutlich weniger Gedanken als noch zu Beginn der Reise. Auch das ist vermutlich eine Form persönlicher Entwicklung und Erfahrung. Nach ungefähr einem Kilometer passiert dann genau das, worauf wir gehofft haben. Der schmale Weg öffnet sich und vor uns liegt eine fast ebene Fläche direkt auf dem Bergrücken.

Ich schaue JD an. JD schaut mich an. Wir freuen uns. „Wahnsinn.“ Mehr braucht es eigentlich nicht. Egal wo wir abbiegen … ich stoppe den Gedankengang und richte jetzt erstmal den Wagen aus. Vor uns liegt nichts. Also fast nichts. Berge, Täler in der Ferne ein paar Straßen die zu einem Goldfeld führt, Tundra, Himmel und die wieder gefühlte unendliche Weite des Yukon. Ich bleibe noch einen Moment im Fahrzeug sitzen, schaue einfach nur hinaus in diese Landschaft und merke, dass mein letzter Gedanke noch gar nicht zu Ende gedacht ist.

„Wahnsinn“, denke ich erneut. Eigentlich kann man hier kaum etwas falsch machen. Egal, wo wir im Yukon abbiegen, irgendwo wartet am Ende immer ein Platz, bei dem man sich fragt, warum man überhaupt noch weiterfahren sollte. 

Immer wenn wir glauben, nach all den Wochen inzwischen ungefähr zu wissen, was uns erwartet, biegt die Straße um die nächste Kurve und der Yukon sagt: Nö. Guck mal hier. 

Und wir stehen wieder da. Staunen und wiederholen uns „Wahnsinn, ist das Klasse“.

Ja, ich habe das vermutlich inzwischen hundertmal geschrieben. Aber was soll ich machen? Es ist nun einmal wunderschön.

Ich merke, wie ich immer mehr eins werde mit dem Yukon und seiner Landschaft. Meine europäische Brille verändert sich. Dinge, die mir vertraut und selbstverständlich erscheinen, bekommen plötzlich eine andere Bedeutung und werden durch neue Erfahrungen ergänzt.

Jede Reise hat etwas Besonderes, jede Kultur etwas Eigenes – und gerade bin ich einfach nur unglaublich dankbar, all das hier erleben zu dürfen.

Ich komme langsam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr nur durch diese Landschaft fahre, sondern beginne, mich als Teil von ihr zu fühlen. Teil der Menschen, der Natur – und hoffentlich irgendwann auch der Tierwelt, die uns hier noch immer ein wenig auf Abstand hält. Vor allem aber erlebe ich hier einen Grad von Freiheit, den ich von zu Hause so nicht kenne.

Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb uns der Yukon inzwischen so gepackt hat. 

Und wie wird das in Alaska? Morgen vermutlich. Wie wird es dort sein? Wird diese Freiheit dort genauso weitergehen oder steht dort an jedem zweiten Feldweg ein Zaun und ein Schild?

PRIVATE PROPERTY oder NO TRESPASSING.

Hier wurde uns schnell klar, dass „Private Property“ oder „No Trespassing“ in den USA gelegentlich etwas konsequenter interpretiert wird als ein deutsches „Privatweg – Durchfahrt verboten“.

Und sollte man diese Hinweise ignorieren, ist ein Hund, der einem mit gefletschten Zähnen entgegenkommt, gefühlt noch das kleinere Problem. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass man mit einer Kugel im Kopf auf dem Boden liegt, bevor man überhaupt realisiert hat, dass die eigene Fußspitze gerade auf „Private Property“ gelandet ist.

Natürlich ist das überspitzt – aber genau dieses Gefühl haben einige Begegnungen auf früheren Reisen bei uns hinterlassen.

Ich beende meinen Gedankengang mit einem: „Werden wir ja bald erleben.“

Dann verlasse ich den Wagen und gehe raus zum Dach der Welt.

Unser Stellplatz für die Nacht

Und weil man große Momente bekanntlich niemals unnötig pathetisch werden lassen sollte, stellt sich unmittelbar die nächste wirklich wichtige Frage:

Was gibt es zu essen?

Doch bevor das Abendessen vorbereitet wird, möchte ich euch noch unsere beiden treuen und inzwischen liebgewonnenen Reisebegleiter etwas genauer vorstellen.

Unsere gelben Freunde.

Freund Nummer eins sieht aus wie ein Tennisschläger. Nur dass die Bespannung aus Metalldrähten besteht und im Griff eine Batterie steckt.

Es ist eine elektrische Fliegenklatsche.

Ein Gerät, das insbesondere bei JD zu erstaunlichen Glücksgefühlen führt.

Normalerweise funktioniert das Prinzip recht simpel:

Mücke fliegt in den Schläger. KNALL! Mücke fällt herunter. Problem gelöst.

Dachte ich zumindest.

Bis JD irgendwann begann, diesen Vorgang beinahe wissenschaftlich zu analysieren und in ihrer persönlichen Conclusion feststellen musste, dass „Problem gelöst“ bei kanadischen Mücken ein ausgesprochen dehnbarer Begriff ist. Denn gelegentlich liegt das Biest nur kurz betäubt auf dem Boden, sammelt sich, überdenkt vermutlich seine Lebensentscheidungen – und startet anschließend den nächsten Angriff.

Nicht aber mit JD. Bei ihr gilt inzwischen:

Keine Gefangenen. Kein Erbarmen.

Wenn meine Frau diesen gelben Schläger in der Hand hält, mache ich mir um eine weitere Belästigung durch Mücken jedenfalls keine Sorgen mehr. Sie beherrscht damit praktisch alles: Vorhand, Rückhand, Überkopf – und vermutlich inzwischen auch Schläge, für die es im Tennis noch gar keinen Namen gibt. 

Der charakteristische elektrische Knall reicht ihr allerdings längst nicht mehr als eindeutiger Erfolgsnachweis. Nein, die Mücke bleibt im Schläger. Und zwar genauso lange, bis aus einem kurzen KNALL ein deutlich längeres BRUTZEL wird. Manchmal folgt ein kleines Rauchfähnchen. In besonders erfolgreichen Fällen sogar eine winzige Flamme.

Spätestens wenn der unverwechselbare Geruch von elektrisch gegrillter Mücke durch die Luft zieht, lehnt sich JD mit einem zufriedenen Lächeln zurück, weil der arglistige Angriff als nachhaltig abgewehrt gilt.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen: Ich habe dieses Verfahren nicht entwickelt und ich mag es auch nicht sonderlich.

Ich dokumentiere hier lediglich – und muss mich in schöner Regelmäßigkeit anschließend darum kümmern, dass mir von dem Gestank nicht schlecht wird.

Freund Nummer zwei ist ebenfalls gelb, arbeitet allerdings etwas weniger martialisch.

Eine kleine Propangaskartusche erhitzt ein Insektenrepellent, das anschließend langsam verdampft und um uns herum eine mückenunfreundliche Zone erzeugt.

Keine Explosion, keine Flammen anderes Glücksgefühl aber erstaunlich effektiv.

Das Ding braucht ein paar Minuten, bis es richtig wirkt, danach haben wir rund um unseren Sitzplatz tatsächlich weitgehend Ruhe. Also stelle ich unseren gelben Freund neben den Outdoor-Grill.

Während JD vermutlich noch irgendwo mit Freund Nummer eins die letzten Luftangriffe abwehrt, beginne ich mit dem Abendessen.

Abendessen mit freundlicher Unterstützung unseres Insektenrepellents.

Heute gibt es:

Spaghetti Bolognese, zubereitet auf unserem Gaskochen auf der Trittstufe von unserer Wohnkabine. Mitten im Nirgendwo. Am Top of the World Highway, bber uns der blaue Himmel und vor uns die endlosen Berge des Yukon.

Einen besseren Platz für eine Portion Spaghetti Bolognese hätten wir vermutlich nirgendwo finden können.

Und morgen? Ja, Morgen geht es nach Alaska.

Fahrt über den Top of the World Highway